Dieser Lehrgang führt allgemein zur Forschungs- und Wissenschaftspropädeutik hin. Darin wird ein fachspezifischer Fokus in Kunst und angrenzenden Feldern gesetzt. Der Lehrgang verbindet damit drei sonst meist getrennte Traditionen: Wissenschaftspropädeutik der gymnasialen Oberstufe, Forschendes Lernen und ästhetisch/künstlerische Forschung.
Kompetenzen
- Wissenschaft verstehen und einordnen: Grundbegriffe, Erkenntniswege und Forschungszugänge kennen, unterscheiden und wissenschaftstheoretisch sowie fachspezifisch in Kunst und Gestaltung einordnen.
- Eigenständig forschen: Aus eigenen Interessen einen Forschungsgegenstand und eine tragfähige Frage entwickeln, geeignetes Material auswählen und ein passendes, methodengeleitetes Vorgehen planen und durchführen.
- Erkenntnisse gewinnen und gestalten: Quellen, Daten, Erfahrungen und künstlerisch-gestalterische Prozesse erschliessen, begründen oder hervorbringen, daraus folgerichtige und individuell neue Erkenntnisse entwickeln und diese in geeigneten Ergebnisformen artikulieren.
- Forschung kritisch und redlich reflektieren: Vorgehen und Ergebnisse nachvollziehbar dokumentieren, Quellen und Hilfsmittel transparent ausweisen sowie Qualität, Grenzen, Unsicherheiten, Verantwortung und eigene Entscheidungen kritisch prüfen.
Theorie
Drei Lektionen zur Wissenschafts- und Forschungspropädeutik:
Übungen
ÜBUNG 1 – SOCIAL-MEDIA-PHÄNOMENE ERFORSCHEN
- ERSCHLIESSEN – empirisch
Sunday Scaries: Muster in Farbe, Licht und Bildaufbau beobachten, erheben und vergleichen. - BEGRÜNDEN – theoretisch-systematisch [Übung etwas geändert]
Brainrot: typische Merkmale untersuchen, ordnen und daraus Kategorien bzw. ein Begriffsmodell entwickeln. - HERVORBRINGEN – generativ/transformativ
Steve Merson: Körpersprache performativ nachstellen, gezielt verändern und ihre Wirkung erproben.
Austausch und Transfer: Präsentiert das Resultat den anderen Gruppen. Wählt danach in den eigenen Gruppen ein eigenes Social-Media-Phänomen und entwickelt dazu je einen Forschungsansatz zum Erschliessen, Begründen und Hervorbringen.
ÜBUNG 2 – EIN FORSCHUNGSDESIGN ENTWICKELN
Ausgangspunkt: Wie beeinflussen Texturen die Wirkung eines Gegenstands?
Drei Gruppen entwickeln je ein anderes Forschungsdesign:
- ERSCHLIESSEN – empirisch: verschiedene Texturen vergleichen und ihre Wirkung bei Testpersonen erheben
- BEGRÜNDEN – theoretisch-systematisch: Wirkungen von Texturen untersuchen, ordnen und daraus Kategorien bzw. ein Modell entwickeln
- HERVORBRINGEN – generativ/transformativ: denselben Gegenstand mit verschiedenen Texturen gestalten, Varianten erproben und weiterentwickeln
Jede Gruppe bestimmt:
- Was? Gegenstand + Forschungsfrage
- Womit? Forschungsmaterial
- Wie? Vorgehen mit Erkenntnisweg + Zugang + Tätigkeiten + Methode
- Ergebnis? mögliche Ergebnisform
Austausch und Transfer: Tauscht euch unter den Gruppen aus. Danach jeweils wieder in den Gruppen den Forschungszugang wechseln und Was – Womit – Wie – Ergebnis so anpassen, dass wieder ein stimmiges Forschungsdesign entsteht.
Auftrag
DAS EIGENE FORSCHUNGSPROJEKT
Entwickle und realisiere ein eigenes Forschungsprojekt im Bereich Kunst und Gestaltung. Die Forschung muss entweder über Kunst, für Kunst oder mit Kunst erfolgen und unterschiedliche Erkenntniswege verbinden.
Der Prozess muss nicht streng linear verlaufen – insbesondere bei einer künstlerischen Forschung – , die einzelnen Elemente sind jedoch final aufeinander abgestimmt und begründen sich gegenseitig:
- Interesse & Idee <-> Gegenstand & Frage <-> Material <-> Vorgehen <-> Forschen <-> Ergebnis & Erkenntnisse <-> Reflexion <-> neue Fragen
Erste Schritte von der Ideenfindung zur Projektentwicklung
- Zunächst mehrere Ansätze möglicher Forschungsprojekte frei entwickeln. Interessante Ideen auf je einem Forschungs-Projektblatt festhalten, mit Hilfe der Theoriestruktur ausarbeiten, spielerisch variieren und laufend weiterentwickeln (vorerst ohne gezielte Recherche und ohne KI).
- Anschliessend recherchieren, vergleichen, auswählen und schärfen.
Forschungs-Projektblatt für wissenschaftliches und künstlerisches Arbeiten (z.B. als Projektsonne)
- Arbeitstitel
- Was? Gegenstand + Forschungsfrage
- Womit? Forschungsmaterial
- Wie? Vorgehen mit Erkenntnisweg/Zugang/Tätigkeit + Forschungsmethode
- Ergebnis? mögliche Ergebnisform
- Weshalb? Interesse, Ziel, Zweck
- Zeitmanagment? Arbeitspakete und Meilensteine
Kriterien
- Forschungsgegenstand & Forschungsfrage klar (was)
- Forschungsmaterial geeignet (womit)
- Erkenntnisweg, Forschungszugang, Methode passend & begründet (wie)
- Ergebnisse & Erkenntnisse eigenständig erarbeitet
- Dokumentation nachvollziehbar und Reflexion kritisch
- wissenschaftliche Redlichkeit und transparente Quellen-/KI-Nutzung
- Bonus/Malus: Einhaltung der Vorgaben, Unerwartetes
Abgabe
- schriftliche Dokumentation max. 4 Seiten (gerechnet vom Ende des Inhaltsverzeichnisses bis zu den Verzeichnissen; Bilder und Tabellen nicht eingerechnet, Anhang ohne Seitenbegrenzung)
- je nach Projekt zusätzliche visuelle, materielle oder performative Ergebnisform wie Werk, Serie, Modell, Film, Installation, Performance, Intervention …
Weiterführende Links
Datenbanken zum Stöbern und einige wenige Beispiele zu professionellen wissenschaftlichen und künstlerischen Forschungsresultate in Kunst:
Wissenschaftliche Forschung (Forschung über und für Kunst)
- arthistoricum.net / ART-Dok – Open-Access-Publikationen der Kunstwissenschaft
- z.B. Martina Sauer, 2012, „Ein Bild ist ein Bild. Wie funktioniert unsere Wahrnehmung?“ – Kunstwahrnehmung zwischen Ästhetik, Psychologie und Neurowissenschaften. ART-Dok: Ein Bild ist ein Bild
- z.B. alternativ etwas klassischer kunsthistorisch: Hubertus Kohle, 2008, „Franz von Stuck, Arnold Böcklin und die (Natur-)Wissenschaften ihrer Zeit“. ART-Dok: Stuck, Böcklin und die Wissenschaften
Künstlerische Forschung (Forschung mit/durch Kunst)
- Society for Artistic Research – Research Catalogue: offene internationale Plattform für künstlerische Forschungs-Expositions
- z.B. Julia Weber & Mayumi Arai, 2026, Foot Baths for All – künstlerisch-ethnografische Stadtforschung in Zürich; die zugrunde liegende Intervention Foot Baths for All entstand 2024.
- Journal for Artistic Research (JAR) – peer-reviewte Open-Access-Publikationen künstlerischer Forschung
- z.B. Gabriel Flückiger & Siri Peyer, 2019, Inventing Structure – Speculative Notes on Artistic and Design Research in Switzerland