In diesem Beitrag werden Merkmale zusammengetragen, die es ermöglichen auf einer zweidimensionalen Fläche einen Raum darzstellen. Diese Zusammenstellung erlaubt den Bild-Autoren sowie den Rezipienten, die Bildraumkräfte besser zu lesen bzw. einzusetzen. Für eine einfachere und anspruchslosere Zusammenstellung siehe den Artikel Perspektivische Merkmale kurz und knapp.

 

 

Hinweise zu den Merkmalen

Es gibt Merkmale, die unserer Wahrnehmung des natürlichen Umfeldes entsprechen und uns erlauben, einen dreidimensionalen Raum im Bild wahrzunehmen. Weiter gibt es Merkmale, die durch die Kunst entwickelt wurden (teils vielleicht aus einem natürlichen Merkmal weiterentwickelt) und die Dreidimensionalität auf einer zweidimensionalen Fläche darstellen bzw. rezipieren lassen.

Ein Beispiel ist die Tiefenschärfe. Dieses optische Phänomen lässt sich am menschlichen Sehapparat  beobachten und ist mit der Physik (Optik) eines Fotoapparates vergleichbar. Die Ästhetik der Fotografie hat die Tiefenschärfe zum bewussten Gestaltungsmittel (weiter-)entwickelt, um die räumliche Wirkung im Bild zu verstärken und ein Sujet hervorzuheben. Diese Möglichkeit kann als natürlich gebildeter Kulturcode verstanden werden. Ein anderes Beispiel sind die so genannte Speedlines, welche in den Cartoons Verwendung finden. Diese weisen auf Bewegung und somit auch auf Raum hin. Speedlines entsprechen eher einem künstlich gebildeten Kulturcode, da sich in diesem Fall zumindest nur schwierig ein direkt natürliches Phänomen ableiten lässt. Die Unterscheidung von natürlichen oder künstlichen Codes ist jedoch nicht immer scharf und für die Praxis nicht relevant. Im folgenden Sammelsurium der perspektivischen Merkmale werden natürliche und künstliche Merkmale nicht unterschieden.

Die vorgestellten Merkmale beziehen sich auf das monokulare Sehen (<-> binokulares Sehen). Stereoskopische Bilder werden hier vernachlässigt (Stichwort 3D-Fernsehen). Zu beachten ist, dass in den meisten räumlich wirkenden Bildern eine Kombination mehrerer perspektivischen Merkmale angewendet wird. Je nach Ausformulierung können Merkmale dominieren und andere ausser Kraft gesetzt werden. Des Weiteren sei erwähnt, dass eine widerspruchsfreie Raumperspektive nicht immer als oberstes Credo gilt. Denn teils können die Prinzipien von einem Bildautor auch bewusst "widersprüchlich" eingesetzt werden, um Raumelemente hervorzuheben oder sogar eine gesteuerte Irritation im Bildraum zu erzeugen, was so im realen Raum nicht möglich ist und als Potential des Bildes zu verstehen ist. Die Zusammenstellung beruht auf alte und neue Beiträge aus Kunstgeschichte und Perspektivenlehrmittel. Sie ist nicht vollständig und kann mit Erfahrungen aus der eigenen Praxis laufend ergänzt werden. Es wurde versucht, die Merkmale zu vereinfachen und zu systematisieren. Diese Arbeit ist immer noch im Gang, trotzdem wird hier ein erster Entwurf mit Visualisierungen vorgestellt.

1. Merkmale der Dimension

 Groesse  platzhalter Relative Dimension von Flächen: Eine verkleinerte Fläche scheint weiter entfernt zu sein. (Zu Beachten ist der Konflikt mit der Bedeutungsperspektive)
 Verkuerzungen   Relative Dimension von Strecken: Eine verkürzte Strecke scheint weiter entfernt zu sein.
 Strichstaerken   Relative Dimension von Stichstärken: Ein verfeinerter Strich scheint weiter entfernt zu sein.
 Textur   Relative Dimension von Texturen: Eine engere Textur scheint weiter entfernt zu sein

 

2. Merkmale der Lage

 Hoehe  platzhalter Relative Lage von Flächenelementen: Ein höher liegendes Flächenelement scheint weiter entfernt zu sein. (Gilt nur für die Vogelperspektive. Für die Froschperspektive gilt das Gegenteil)
 Konvergierung   Relative Lage von Geraden: Konvergierende Geraden scheinen Raumtiefe zu bilden. (Vergleiche das Prinzip der Punktperspektive, wonach sich die Projektion von Raumparallelen auf der Bildfläche in einem Fluchtpunkt schneiden. Eine Ausnahme bilden die Geraden, die Parallel zur Bildfläche stehen.)
 Schiefe   Absolute Lage einer Gerade: Schiefe Geraden scheinen (im Gegensatz zu horizontalen und vertikalen Geraden) Raumtiefe zu bilden.

 

3. Merkmale der Farbe und Form

Verlauf
 
 platzhalter Änderung der Farbwerte (monochrom oder mehrfarbig): Farbverläufe und Farbwertabstufungen scheinen Raum zu bilden. 
 Farbtemperatur   Änderung der Farbtemperatur (vgl. Farbperspektive): Kältere Farben scheinen entfernter zu sein. (Beachte, dass die Farbtemperatur von den drei Farbwertkomponenten Farbton, Farbsättigung und Helligkeit abhängt. Die Komponenten zeigen auch in isolierter Form ihre Raumwirkung.) (Unterscheidung von Lokalfarbe/Gegenstandsfarbe und Erscheinungsfarbe)
 Kontrast   Änderung des Farbkontrastes (vgl. Luftperspektive): Ein geringerer Kontrast scheint Raumtiefe zu bilden. (Kontrast mit Helligkeit, Farbton oder Sättigung)
 Schaerfe   Änderung der (Konturen-) Schärfe (vgl. Sfumato von Da Vinci und Tiefenschärfe in der Fotografie): Eine Unterscheidung in der (Konturen-) Schärfe scheint Raumtiefe zu bilden.

 

4. Weitere Merkmale


Objekt
  Imagination durch Raumdarstellungssysteme: Konventionalisierte Systeme zur Raumdarstellung scheinen Raum zu bilden. (Beispiel Würfel mit Parallelperspektive)


bekannte_objekte

 platzhalter Imagination von Objekten: Bekannte stilisierte Objekte scheinen Raum zu bilden. (Figur ist näher als Mond)
 Umfeld   Imagination vom Umfeld: Ein bekanntes stilisiertes Umfeld scheint einen Raum zu bilden. (Beispiel Horizont)
 Eigenschatten   Imagination von Eigenschatten: Vermeintliche Eigenschatten scheinen auf Licht hinzuweisen und Raum zu bilden.
 Schlagschatten   Imagination von Schlagschatten: Vermeintliche Schlagschatten scheinen auf Licht hinzuweisen und Raum zu bilden.
 Reflexion   Imagination von Reflexionen bzw. Spiegelungen: Vermeintliche Reflexionen bzw. Spiegelungen scheinen Raum zu bilden.
 Ueberdeckung   Imagination von überdeckten Flächen: Vermeintlich überdeckte Flächen scheinen weiter entfernt zu sein.
 Bewegung   Imagination von Bewegung und Geschwindigkeit: Eine vermeintliche Bewegung scheint Raum zu bilden. Dabei scheinen langsamere Objekte weiter entfernt zu sein.