Dinge, die uns prägen?

Dinge, die uns prägen?

In diesem Auftrag untersuchst du mit einem gemalten Stillleben, welche Beziehungen wir zu Dingen haben und was diese über unsere heutige Lebenswelt erzählen – und übersetzt gleichzeitig die Stilllebenmalerei in die Zeit von heute.

Ziele

  • Vertiefung im gegenständlichen Darstellen und malerischen Verfahren
  • Bewussten Umgang mit ästhetischen Funktionen und ihren Ausprägungen
  • Prozesskompetenz zur Entwicklung einer eigenständigen Bildaussage durch Konzipieren, Arrangieren, Erproben und malerisches Entwickeln
  • Fachsprachliche Beschreibung und kurze Reflexion gestalterischer Entscheidungen

Vorübungen/ Vorkenntnisse

  • Gegenständliche Darstellung nach Anschauung: Proportionen, Raum, Licht
  • Umgang mit Gouache: Farbmischung, Farbauftrag und Modulation
  • Die drei Farbdimensionen, Farbkontraste und Farbbeziehungen
  • Ästhetische Funktionen: Darstellung, Bedeutung und Wirkung sowie ihre Ausprägungen (z.B. mit Theorie-Illustrationen durchspielen)
  • Betrachtung barocker und weiterer Stillleben in Form und Inhalt: Symbole und ihre Bezüge zu Vergänglichkeit, Genuss, Status sowie Schein und Sein (Vanitas, Memento mori, Carpe diem etc.)
  • Evtl. Vergleich mit zeitgenössischen künstlerischen Positionen oder Produktfotografien zu Alltagsgegenständen, Konsum und Identität

Theorie/Übungen aus Modulen Zeichnen/MalenTheorie und Praxis der Farbe

Bildbeispiele und Betrachtungsfragen

Begründe deine Beobachtungen am Bild und nutze Fachbegriffe zu Farbe, Form, Textur sowie Darstellung, Bedeutung und Wirkung.

  • Unbekannt: Stillleben mit gläserner Obstschale und Gefässen, um 70 n. Chr., Römische Antike, Wandmalereiausschnitt aus Pompeji. Wie erzeugen Farbmodulation, Licht und Überschneidungen den Eindruck greifbarer Dinge?
  • Giuseppe Arcimboldo / nach Arcimboldo: Der Bibliothekar, Entwurf um 1562–1566, Manierismus. Wie werden Bücher durch Form und Anordnung zugleich zur Person und zur Metapher ihrer Identität?
  • Clara Peeters: Stillleben mit Fischen, Meeresfrüchten und Blumen, um 1612–1615, Barock. Wie lassen Licht, Farbe und Textur die Dinge begehrenswert oder befremdlich erscheinen?
  • Pieter Claesz: Stillleben mit Schädel und Schreibfeder, 1628, Barock. Welche Dinge verweisen auf Vergänglichkeit, und wie unterstützen Farbigkeit und Komposition diese Bedeutung?
  • Jean Siméon Chardin: Die silberne Terrine, um 1728–1730, 18. Jahrhundert / Zeitalter des Rokoko. Wie verbinden Farb- und Formbeziehungen die unterschiedlichen Dinge, und welche Spannungen bleiben sichtbar?
  • Vincent van Gogh: Schuhe, 1888, Postimpressionismus. Wie lassen Zustand, Farbigkeit und Pinselspuren ein benutztes Ding zum möglichen Stellvertreter eines Menschen werden?
  • Juan Gris: Fantômas, 1915, Kubismus. Welche Formhinweise machen Dinge erkennbar, und wie entwickeln Farben und Flächen zugleich eine eigenständige Bildordnung?
  • Elsa von Freytag-Loringhoven und Morton Schamberg: God, 1917,  Dada, Assemblage in historischer Fotografie. Wie verändern Titel, Präsentation und Beleuchtung Bedeutung und Wirkung eines alltäglichen Sanitärteils?

Auftrag

Arrangiere ein Stillleben mit ungefähr drei bis fünf Gegenständen und setze es malerisch mit Malfarbe (Gouache oder Acryl) auf Papier um (ca. A4 bis A3). Untersuche damit eine Beziehung zwischen Menschen und Dingen. Gehe von deiner eigenen Lebenswelt, einer fiktiven Figur oder einer heutigen Subkultur aus.

Mögliche Begleitfragen: Was versprechen meine Dinge? Was brauche ich, um dazuzugehören? Was unterstützt mich, was beansprucht mich? Weshalb ist etwas scheinbar Wertloses für mich unersetzlich? Oder was erscheint wertvoll – und für wen? Was erweist sich als vergänglich oder widersprüchlich?

Dein Stillleben soll über eine Aufzählung von Besitztümern oder Interessen hinausgehen. Erkunde Wünsche, Gewohnheiten, Bindungen und insbesondere Widersprüche, die du malerisch sichtbar machst. Du darfst dabei würdigen, hinterfragen, humorvoll zuspitzen oder Mehrdeutigkeiten offenlassen.

Nutze etwa Gegenstandswahl, Zustand, Anordnung, Licht und Bildausschnitt sowie insbesondere die Farbe, um deine Bildidee zu entwickeln. Erprobe die ästhetischen Funktionen und spiele mit ausgewählten Ausprägungen:

  • Darstellung: nachahmend, hinweisend, selbstpräsent
  • Bedeutung: symbolisch, metaphorisch, situativ
  • Wirkung: physiologisch, kognitiv, emotional

Nicht alle Ausprägungen müssen vorkommen. Beobachtete Farben, Formen und Texturen darfst du verändern. Deine Frage und deine Bildidee können sich beim Arrangieren und Malen weiterentwickeln.

Vorgehen

  • Ausgangsfragen entwickeln und passende Gegenstände organisieren.
  • Anordnung, Licht und Bildausschnitt fotografisch erproben und sichern.
  • Zwei kleine Farbskizzen erstellen: Wie verändert die Farbgestaltung Bedeutung und Wirkung desselben Arrangements? Ansatz zur Weiterentwicklung wählen.
  • Stillleben malerisch umsetzen und die Gestaltung im Prozess überprüfen und weiterentwickeln. Arbeit abschliessen und kurz dokumentieren.

Kurzdokumentation

Notiere auf der Rückseite Name, Bildtitel und deine untersuchte Frage. Zeichne mit Bleistift eine vereinfachte Umrissskizze deines Bildes.

Kennzeichne darin vier bis sieben wesentliche gestalterische Entscheidungen mit Pfeilen und Stichworten. Benenne Einzelfarben und Farbbeziehungen fachsprachlich präzise und ordne ihnen die jeweils die ästhetischen Funktionen zu. Ergänze stichwortartig, was gelungen ist und was weiterentwickelt werden könnte.

Kriterien

  • Farbgestaltung und ästhetische Funktionen: Differenzierter und Überzeugender Einsatz von Farbwerten, Farbbeziehungen und Kontrasten; sowie Formen und Texturen im Sinne der gewählten Funktionen
  • Gestalterische Umsetzung: Gestalterisch & technisch überzeugender Umgang mit Malfarbe sowie Raum, Licht, Komposition, …
  • Inhalt und Prozess: inhaltlich aussagekräftige Gegenstandswahl und Inszenierung; eigenständige Untersuchung einer Mensch-Ding-Beziehung; gut gesteuerte Entwicklung der Bildidee im Prozess
  • Dokumentation und Reflexion: Knappe, aber wesentliche und fachsprachlich präzise Beschreibung der Farben und deren ästhetische Funktionen sowie nachvollziehbare Einschätzung der eigenen Arbeit
  • Bonus/Malus (Einhaltung der Vorgaben, Unerwartetes, …)

Beitragsbild: Stillleben mit Austern, Silberschale und Glaesern, Willem Claesz Heda, 1635 (gemeinfrei via MET-Museum)

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