In diesem Werkstattunterricht werden die Gestaltungsmittel der Fotografie eingeübt.
Vorbereitung
Um alle Gestaltungsmittel der Fotografie kontrolliert auszuschöpfen, ist man mit einer Spiegelreflexkamera (SLR) oder guten Kompaktkamera mit manuellen Einstellungen besser bedient. Mit Smartphone oder einfachen Kompaktkameras muss improvisiert werden.
Die folgenden Werkstattübungen sind in fünf Themen gegliedert. Im Anschluss folgt eine Diskussion. Zuerst aber bitte: Kamera laden, letzte Bilder löschen, Kamera auf Werkeinstellung zurücksetzen und das Handling der Kamera vorbesprechen.
1. Komposition und Perspektive
Ausgangslage: 1 Spielzeugfigur auf dem Tisch (oder ähnlich), alle Kameraeinstellungen auf „Automatisch“.
1. Einfach darauf los knipsen!
Erkenntnis: Das Bild wirkt uninteressant und hat wenig (oder nur zufällig) eine Aussagekraft.
2. Mit der Perspektive spielen! (Vogel-, Normal- und Froschperspektive)
3. Mit Bildausschnitt und Komposition spielen! Hauptsujet zentral ins Bild setzen. Fokussieren (bei halbautomatischem Fokus zweistufiger Auslöser bis zum ersten Anschlag drücken und halten). Neuer Ausschnitt wählen und ganz auslösen (durchdrücken). Sujet dabei z.B. auf die Bilddrittelung setzen (vgl. goldener Schnitt) oder Sujet mit Bildrand bewusst anschneiden sowie mit Quer- und Hochformat arbeiten.
Erkenntnis: Fotos von Laien, wie z.B. in Familienalben, weisen oft keine bedachte Bildkomposition auf. Die Perspektive entspricht der Augenhöhe der Fotografin und die Sujets sind meist zentral aufgenommen. Mit einer bewussten Gestaltung der Perspektive und des Bildausschnittes lässt sich jedoch die Anziehungskraft eines Bildes erhöhen, den Sujets mehr Raum geben oder eine Aussage erstellen.
2. Schärfe: Tiefenschärfe
Ausgangslage: 2 Spielzeugfiguren auf dem Tisch (oder ähnlich), erste Figur vorne links, zweite Figur weit hinten und leicht nach rechts versetzt, alle Kameraeinstellungen auf „Automatisch“.
1. Mitten in die Szene bzw. zwischen die beiden Figuren knipsen!
Erkenntnis: Schärfe wird willkürlich gewählt, unerwünschte Bereiche können unscharf sein. Die Situation ist so schwierig zu kontrollieren, könnte aber interessant sein.
2. Versuch den Effekt zu verstärken und zu kontrollieren! Wie zuvor: Hintere Figur fokussieren, Auslöser bis zum ersten Anschlag gedrückt halten, neuer Bildausschnitt wählen und Bildausschnitt auf beide Figuren abstimmen, Auslöser ganz durchdrücken. Dasselbe von der anderen Figur ausgehend. Tipps zur Verstärkung des physikalisch bedingten Unschärfe-Effekts (anstatt eines künstlichen Filters):
- Grosser Abstand beider Figuren und nahe zur ersten stehen (evtl. Position und Format wechseln).
- Grosse Brennweite wählen und dafür entsprechend ein paar Schritte zurücktreten (d.h. in den Telebereich zoomen).
- Grosse Blende wählen (d.h. in der Blendenhalbautomatik A arbeiten und die niedrigste Blendenzahl manuell einstellen)
Erkenntnis: Die optischen System der Kamera verursachen physikalisch bedingt eine Tiefenschärfe. Dabei wird nur ein bestimmter Bereich scharf abgebildet. Näher liegende und weiter entfernte Bereiche zeigen eine Unschärfe. Je nach Einstellung kommt die Tiefenschärfe stärker bis gar nicht zum Tragen. Der Tiefenschärfe-Effekt kann verstärkt werden, wenn eine grosse Brennweite (mit dem Tele hinzoomen) gewählt wird, wenn die Figur 2 zur Kamera relativ weit von Figur 1 entfernt ist und wenn eine grosse Blende (bzw. kleine Blendenzahl) gewählt wird. Die Tiefenschärfe ist nicht negativ zu bewerten, sondern kann als Gestaltungsmittel benutzt werden, um ein Sujet aus seinem Umfeld hervorzuheben (z.B. Portrait).
Zusatzbemerkung: Soll auf den Effekt der Tiefenschärfe möglichst verzichtet werden (z.B. oft in der Landschaftsfotografie), müssen die drei genannten Aspekte umgekehrt eingesetzt werden: kurze Brennweite (Weitwinkel), kleine Blende, nichts Nahes zur Kamera.
3. Schärfe: Bewegungsunschärfe
Ausgangslage: Rampe mit Spielzeugfahrzeug (ca. 30 cm) oder sonst ein Objekt in Bewegung nahe fotografieren.
1. Knipsen!
Erkenntnis: Gewisse Bereiche sind unscharf, andere vielleicht scharf, wirkt unkontrolliert. Zeugt aber von Bewegung und wirkt nicht uninteressant.
2. Verstärke und kontrolliere nun den Unschärfe-Effekt.
- Verschluss lange öffnen (d.h. in der Zeithalbautomatik T arbeiten und lange Belichtungszeit wählen z.B. 2 für 1/2 Sekunde)
- Kamera stabilisieren (Stativ oder an Wand lehnen, Ellenbogen stützen etc.)
- Fokus manuell einstellen (um Aufnahmeverzögerungen zu verhindern)
a. Fotografiere mit einer statischen Kamera und löse im richtigen Moment aus!
Erkenntnis: Umgebung scharf, Objekt unscharf. Wirkt wie ein bewegtes Objekt bei Durchqueren einer Szene.
b. Fotografiere nun mit einer bewegten Kamera und löse im richtigen Moment mit der richtigen Bewegung aus!
- Ebenso Verschluss lange öffnen (z.B. 2 für 1/2 Sekunde)
- Kamera mit der Bewegung des Objekts mitziehen (Mitzieheffekt)
- Fokus auf „Manuell“ einstellen (um Aufnahmeverzögerungen zu verhindern)
Erkenntnis: Objekt wird mit etwas Übung mehr oder weniger scharf, Umgebung ist nun unscharf. Wirkt wie selbst mit dem Objekt im Temporausch zu sein.
Erkenntnis: Die Bewegungsunschärfe kann als Gestaltungsmittel genutzt werden, um Dynamik in einem Foto (Standbild) zu vermitteln. Je nach dem, ob die Kamera mit bewegt wird oder statisch bleibt, wird von einem anderen Standpunkt erzählt. Einmal scheint man sich mit dem Objekt mitzubewegen, ein andermal scheint das Objekt die Szene zu durchqueren.
4. Licht
Ausgangslage: Abgedunkelter Raum, 1 Spielzeugfigur und 1 Kerze auf dem Tisch (oder ähnlich), alle Kameraeinstellungen auf „Automatisch“ (Werkeinstellung).
1. Knipsen!
Erkenntnis: Entweder ist das Foto unscharf oder der automatische Blitz wird ausgelöst, falls vorhanden. Szene wirkt nicht authentisch.
2. Damit die Szene nur authentischer wirkt, soll der Blitz unterdrückt werden.
Erkenntnis: Evtl. wird eine unerwünschte Verwacklungsunschärfe sichtbar (oft, wenn sich der automatische Verschluss unter 1/60 Sekunde einstellt)
3. Gegensteuern und Einstellungen kontrolliert nutzen!
- Erhöhter der Lichtempfindlichkeit (hoher ISO-Wert)
- Stabilisierung der Kamera (Stativ, notfalls Kamera oder wenigstens Schulter und Ellenbogen an einem festen Gegenstand stützen)
- Grosse Blende wählen (d.h. in der Blendenhalbautomatik A arbeiten und die niedrigste Blendenzahl manuell einstellen))
Mit der Position des Lichts und der Komposition kann nun ebenfalls gespielt werden (seitlich, Gegenlicht etc.).
4. Spiele mit Belichtungskorrektur (+5, +2, + 1, -1, -2, -5)!
Erkenntnis: Manchmal ist es sinnvoll, den automatischen Blitz zu unterdrücken, damit spezielle Lichtsituationen authentisch übertragen werden (bekannte Beispiele: Geburtstagstorte in einem abgedunkelten Raum, Aufnahmen am Lagerfeuer etc.). Um Verwacklungsunschärfen bei niedrigem Lichtstand zu verhindern, müssen die Kamera stabilisiert und die Lichtempfindlichkeit erhöht werden. Danach kann mit dem Licht gestaltet werden.
Zusatzbemerkung: Manchmal ist es aber auch sinnvoll, bei starkem Licht auf den Blitz zu erzwingen. Damit können z.B. harte Schatten im Gesicht reduziert, das Gesicht im Schatten des Sonnenhutes aufgehelt oder Figuren und Objekte im Gegenlicht mit eindrücklichen Resultaten fotografiert werden.
5. Farbe (Weissabgleich)
Ausgangslage: 1 Spielzeugfigur auf dem Tisch, alle Kameraeinstellungen auf „Automatisch“ (Werkeinstellung), 1 weisses Blatt.
1. Aufnahme der Situation mit automatischem Weissabgleich sowie manuell mit verschiedenen Voreinstellungen (Sonnenlicht, Glühlampe, Neonlicht etc.) und evtl. manuellem Weissabgleich (mit weissem Blatt – Benutzungsanleitung der Kamera beachten).
Erfahrung: Wenn eine Fotografie einen Farbstich aufweist, besteht wahrscheinlich ein Problem mit dem Weissabgleich. Dies ist insbesondere bei extremen Lichtsituationen sowie teils bei Mischlicht der Fall (z.B. Fotos im Schnee, bestimmte Neonröhren oder Tages- in Kombination mit künstlichem Licht). Hier ist es teils sinnvoll, einen vordefinierten und bei Mischlicht einen manuellen Weissabgleich zu betätigen, wobei der automatische Weissabgleich in den Kameras von heute relativ zuverlässig funktionieren.
Zusatzbemerkung: Eigentlich entsprechen die Farbstiche dem physikalischen Wert der Aufnahme. Unsere menschliche Wahrnehmung ist jedoch flexibel und nimmt ein weisses Blatt in verschiedensten Lichtsituationen als weiss wahr. Mit der Fotografie versuchen wir üblicherweise die menschliche Wahrnehmung zu imitieren, weshalb wir in der Regel auch den physikalischen Wert korrigieren.
Diskussion
Die Gestaltungsmittel der Fotografie können als Sprache verstanden werden, da hiermit etwas erzählt werden kann. Ein Amateur oder Berufsfotograf, der den Einsatz der Gestaltungsmittel beherrscht, kann erzählen was er will. Er kann hervorheben, verstärken, vertuschen und sogar kreieren. Er erschafft Bilder, die eine Geschichte erzählen. Diese Bilder stehen für sich alleine, sie benötigen keine zusätzliche Erklärungen. Ein Knipser hingegen ist mit den Gestaltungsmittel der Fotografie weniger vertraut. Er hat auch andere Interessen: Der Knipser wünscht vorerst ein scharfes und sichtbares Bild, das ihm als Erinnerungsstütze hilft.
Jetzt stellt sich die Frage: Wer liefert die authentischeren Bilder? Der Amateur bzw. Berufsfotograf oder der Knipser?
