{"id":589,"date":"2019-08-08T13:15:17","date_gmt":"2019-08-08T13:15:17","guid":{"rendered":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/2019\/08\/08\/kompositionslehre\/"},"modified":"2023-03-04T00:04:59","modified_gmt":"2023-03-04T00:04:59","slug":"kompositionslehre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/kompositionslehre\/","title":{"rendered":"Einf\u00fchrung in die Kompositionslehre"},"content":{"rendered":"\n<p>In der Gestaltung und Kunst ist die Relevanz der Kompositionslehre vergleichbar mit der Formen-, <a href=\"index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=266;farbenlehre&amp;catid=40\">Farben<\/a>&#8211; und <a href=\"index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=265;perspektivenlehre&amp;catid=40\">Perspektivenlehre<\/a>. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wie in allen Gestaltungslehren l\u00e4sst sich auch die Kompositionslehre in Ordnung und Funktion aufteilen, wie auch dieser Beitrag aufgebaut ist. Zum grundlegenden Verst\u00e4ndnis wird hier die Kompositionslehre mit Gem\u00e4lden der Kunstgeschichte illustriert, wobei sich dies keines Falls auf Bilder beschr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n<h1>\u00dcber die Kompositionslehre<\/h1>\n<p>Eine Komposition (lat. compositio f\u00fcr Zusammenstellung) bezeichnet in einem Werk die Anordnung seiner Teile. Kompositionen gibt es etwa auch in der Sprache, Musik oder Mathematik. In der Gestaltung und Kunst bildet die Komposition ein relevantes gestalterisches Mittel wie die Farbe, Form oder Perspektive. Sie kann isoliert oder zum gesamten Werk betrachtet werden. Sie kann kontrolliert, unterbewusst oder zuf\u00e4llig entstehen und als solches wahrgenommen werden. In jedem Fall bleibt die Komposition in der Gestaltung und Kunst relevant. Eine Komposition ist nicht nur in Bildern und Skulpturen auszumachen. Auch andere k\u00fcnstlerisch-gestalterische Produkte wie Architekturen oder Installationen, audiovisuelle Beitr\u00e4ge oder performative Medien verf\u00fcgen \u00fcber eine Komposition. Die Kompositionslehre findet somit in diversen Bereichen der Gestaltung und Kunst Anwendung. Mit einem gesch\u00e4rften Blick auf die Komposition k\u00f6nnen die eigene Praxis gezielter gesteuert und fremde Werke bewusster rezipiert werden. In der eigenen Gestaltungspraxis oder Werkbetrachtung kann man damit die Wirkung erfassen, Botschaften ver- bzw. entschl\u00fcsseln, Aussagen zur Autorenschaft oder sogar Konzepte ganzer Kulturepochen formulieren. Im Schulunterricht findet die Kompositionslehre eher wenig Beachtung. Dies ist zu bedauern, da ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Komposition nicht nur f\u00fcr die eigene Gestaltungspraxis sondern etwa auch im t\u00e4glichen Medienkonsum zum Tragen kommt. Dabei w\u00e4re es einfach und spannend die Kompositionslehre im Klassenunterricht zu vermitteln &#8211; etwa mit Improvisationstheater zu Stichworten wie Harmonie, Herrschaft, Geschlossenheit, Streit, Ausgrenzung, Schutz etc.<\/p>\n<h1>Die Elemente der Komposition<\/h1>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 158px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:%D0%9A%D1%80%D0%B0%D1%81%D0%BD%D1%8B%D0%B9_%D0%BA%D0%B2%D0%B0%D0%B4%D1%80%D0%B0%D1%82.jpg?uselang=de\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/4\/4c\/\u041a\u0440\u0430\u0441\u043d\u044b\u0439_\u043a\u0432\u0430\u0434\u0440\u0430\u0442.jpg\/183px-\u041a\u0440\u0430\u0441\u043d\u044b\u0439_\u043a\u0432\u0430\u0434\u0440\u0430\u0442.jpg?uselang=de\" alt=\"\" width=\"153\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 293px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Vassily_Kandinsky,_1923_-_Composition_8,_huile_sur_toile,_140_cm_x_201_cm,_Mus%C3%A9e_Guggenheim,_New_York.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/4\/47\/Vassily_Kandinsky,_1923_-_Composition_8,_huile_sur_toile,_140_cm_x_201_cm,_Mus\u00e9e_Guggenheim,_New_York.jpg\/320px-Vassily_Kandinsky,_1923_-_Composition_8,_huile_sur_toile,_140_cm_x_201_cm,_Mus\u00e9e_Guggenheim,_New_York.jpg\" alt=\"\" width=\"288\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 160px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Caravaggio_-_Martirio_di_San_Pietro.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/f\/f7\/Caravaggio_-_Martirio_di_San_Pietro.jpg\/185px-Caravaggio_-_Martirio_di_San_Pietro.jpg\" alt=\"\" width=\"155\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 187px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Franz_Marc_027.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/6\/61\/Franz_Marc_027.jpg\/218px-Franz_Marc_027.jpg\" alt=\"\" width=\"182\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<p>Bei einem einzelnen Element, wie in Malewitsch rotem Quadrat, wird der Bezug zum Bildformat relevant (Rotes Quadrat, Malewitsch, 1915)<\/p>\n<\/td>\n<td valign=\"top\">\n<p>Kommen weitere Formen und Farben dazu, wie hier in Kandinskys Werk, sind die Elemente im Verh\u00e4ltnis zueinander zu lesen und k\u00f6nnen auch isoliert betrachtet werden &#8211; z.B. alle Kreise, alle spitzen Winkel oder alle roten Fl\u00e4chen (Komposition XIII, Kandinsky, 1923)<\/p>\n<\/td>\n<td valign=\"top\">\n<p>Caravaggio nutzt hier Seil und Kreuz als materielle Kompositionslinien und fortlaufenden K\u00f6rperteile oder die Blickrichtung Petri zu seiner Hand mit Nagel als gedachte Linie (Kreuzigung Petri, Caravaggio, 1601)<\/p>\n<\/td>\n<td valign=\"top\">\n<p>Nebst den scharfen Kanten mit einer Flucht nach rechts oben dominieren als kompositorische Elemente in Marcs Tiger auch die unterschiedlichen Kaltwarm-Bereiche (Tiger, Marc, 1912)<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Um die Komposition eines Werks zu verstehen, m\u00fcssen seine Teile, also die inhaltlichen und formalen Elemente des Werkes erkannt werden. Die Elemente k\u00f6nnen etwa klein oder gross, einzeln oder mehrteilig sein. Als inhaltliche Elemente verstehen sich etwa R\u00e4ume, Objekte, Materialien,&nbsp;Figuren, Blickrichtungen oder die Lichtgebung. Formale Elemente hingegen beschreiben in einem Bild etwa Farben, Texturen, Formen oder Kompositionslinien. Der Blick auf die formalen Elemente verlangt ein gesch\u00e4rftes Verst\u00e4ndnis in der Gestaltung und Werkbetrachtung, was insbesondere bei der Betrachtung ungegenst\u00e4ndlicher Kunst gut einge\u00fcbt werden kann. Das Gegenst\u00e4ndliche sowie das Formale kann losgel\u00f6st oder im Vergleich zueinander gelesen werden. So l\u00e4sst sich beispielsweise die Farbkomposition losgel\u00f6st untersuchen oder mit der Komposition der Figuren vergleichen: Wo sind die warmen und wo die kalten Farben im Werk? Wo sind die Heiligen und wo die S\u00fcnder angeordnet? Und wie verhalten sich beide Anordnungen zueinander? Auf diese Fragen gibt die Analyse zur Anordnung der Komposition eine Antwort, worauf im n\u00e4chsten Abschnitt eingegangen wird.<\/p>\n<h1>Die Anordnung der Elemente<\/h1>\n<p>All die Kompositionselemente sind r\u00e4umlich und gegebenenfalls zeitlich auf eine bestimmte Art angeordnet, welche ein Schema bilden k\u00f6nnen. Die Kompositionsanalyse untersucht genau diese Anordnung. Dabei k\u00f6nnen einfache und komplexe Ordnungsprinzipien zum Vorschein kommen. Ein einzelnes Element steht wie in Malewitschs rotem Quadrat an einer bestimmten Stelle zum Bildformat, etwa leicht erh\u00f6ht, aus der Mittelachse verschoben oder um wenige Grad geneigt, was kompositorisch einen grossen Einfluss auf die Wirkung des Werks einnimmt. Es kann auch an den Rand gedr\u00e4ngt oder von diesem angeschnitten sein. Ebenso spielt die Ausrichtung nach links oder rechts eine Rolle &#8211; z.B. die K\u00f6rperdrehung von Marcs Tiger nach links. Die Gesamtkomposition kann ein bestimmtes Teilungsverh\u00e4ltnis einnehmen. F\u00fcr die Gesamtkomposition ist nicht selten auch die Farb- und insbesondere Helldunkelkomposition relevant. In komplexeren Ordnungsprinzipien werden Zusammenh\u00e4nge oder Kontraste vergleichbarer Elemente gesucht, womit sich ebenfalls eine kompositorische Wirkung oder Bedeutung entfalten kann. Die Elemente k\u00f6nnen geballt oder verteilt, symmetrisch oder asymmetrisch angeordnet sein. Sie k\u00f6nnen einer Kompositionslinie oder einem Rhythmus folgen. Die Anordnung kann geometrische Formen oder komplexe Strukturen abbilden. Dar\u00fcber hinaus kann eine Komposition einen Bezug zu einem benachbarten Bild oder zu bestehenden Bildkonventionen bilden. Bevor auf die Wirkung und Bedeutung der Komposition eingegangen werden kann, muss also das Ordnungsprinzip verstanden werden.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 277px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Meister_von_San_Vitale_in_Ravenna_003.jpg?uselang=de\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/6\/66\/Meister_von_San_Vitale_in_Ravenna_003.jpg\/320px-Meister_von_San_Vitale_in_Ravenna_003.jpg?uselang=de\" alt=\"\" width=\"272\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 117px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Pala_di_San_Zaccaria_(Venezia).jpg?uselang=de\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/d\/d7\/Pala_di_San_Zaccaria_(Venezia).jpg\/134px-Pala_di_San_Zaccaria_(Venezia).jpg?uselang=de\" alt=\"\" width=\"112\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 284px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Der_Kampf_zwischen_Karneval_und_Fasten_(1559).jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/0\/01\/Der_Kampf_zwischen_Karneval_und_Fasten_(1559).jpg\/320px-Der_Kampf_zwischen_Karneval_und_Fasten_(1559).jpg\" alt=\"\" width=\"279\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 261px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Peter_Paul_Rubens_Massacre_of_the_Innocents.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/6\/6f\/Peter_Paul_Rubens_Massacre_of_the_Innocents.jpg\/307px-Peter_Paul_Rubens_Massacre_of_the_Innocents.jpg\" alt=\"\" width=\"256\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">\n<p>In der Isokephalie werden die K\u00f6pfe auf einer horizontalen Linie angeordnet (Justinian I und Maximian mit Gefolge, San Vitale in Ravenna, vor 547)<\/p>\n<\/td>\n<td valign=\"top\">\n<p>In Bellinis Bild dominiert die Symmetrie (Sacra Conversatione, San Zaccheria, 1505, G. Bellini)<\/p>\n<\/td>\n<td valign=\"top\">\n<p>Bruegel arbeitet gerne mit dem Kompositionsschema der Verteilung (Kampf zwischen Karneval und Fasten, Bruegel d. \u00c4., 1559)<\/p>\n<\/td>\n<td valign=\"top\">\n<p>Rubens arbeitet hier mit Ballung und asymmetrischen, wellenf\u00f6rmigen Kompositionswellen, die virtuos von links unten nach rechts oben verlaufen (Bethlehemitischer Kindermord, Rubens, 1611\/1612)<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h1>Der Betrachterstandpunkt<\/h1>\n<p>Der Betrachterstandpunkt ist auch f\u00fcr die Kompositionslehre relevant, wobei sich dieses Feld mit der Perspektivenlehre \u00fcberschneidet. Mit der Augenh\u00f6he, Ausrichtung und Ausschnitt, Blickwinkel und dem Spiel von Vorder-, Mittel- und Hintergrund kann stark auf die Komposition eingegriffen werden. Dies gilt nicht nur bei wirklichkeitsnahen Bildern wie in der Fotografie oder hyperrealisitischen Malerei. Auch expressive oder sogar ungegenst\u00e4ndliche Bilder erzeugen oftmals ein perspektivisches Erlebnis oder zeigen zumindest einen Ausschnitt in einem assoziativen Kontext, womit die Bildkr\u00e4fte der Komposition in Erscheinung treten. Und auch bei dreidimensionalen Rauminstallationen, wo sich der Betrachter zum Werk oder sogar das Werk selbst bewegt, ist der Betrachterstandpunkt f\u00fcr die Komposition relevant.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 325px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:The_judgement_of_the_dead_in_the_presence_of_Osiris.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/1\/1b\/The_judgement_of_the_dead_in_the_presence_of_Osiris.jpg\/320px-The_judgement_of_the_dead_in_the_presence_of_Osiris.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 222px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Beweinung_Christi_(Mantegna)\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/f\/f4\/The_dead_Christ_and_three_mourners,_by_Andrea_Mantegna.jpg\/289px-The_dead_Christ_and_three_mourners,_by_Andrea_Mantegna.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"180\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 166px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Kirchner_-_Selbstbildnis_als_Soldat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/6\/69\/Kirchner_-_Selbstbildnis_als_Soldat.jpg\/215px-Kirchner_-_Selbstbildnis_als_Soldat.jpg\" alt=\"\" width=\"161\" height=\"180\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 183px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Mondriaan_Compositie_in_lijn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/d\/d2\/Mondriaan_Compositie_in_lijn.jpg\/238px-Mondriaan_Compositie_in_lijn.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"180\"><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">Bereits seit Jahrtausenden zeigt in der westlichen Kultur der Bildausschnitt von Links nach rechts eine Bewegung von der Vergangenheit in die Zukunft, vom Zuhause zum Fremden, wie es diese alt\u00e4gyptische Papyrusrolle mit dem Gang zu Osiris&#8216; Totengericht illustriert (Totenbuch des Beamten Hunefer, 1275 vor Chr.)<\/td>\n<td valign=\"top\">Mit der nahen und aussergew\u00f6hnlich stark verk\u00fcrzten Perspektive zu F\u00fcssen des leblosen K\u00f6rpers Christi f\u00fchrt uns Mantegna zur intimen Trauer an die Bahre mit Maria, Johannes und Magdalena (Mantegna, Beweinung Christi, 1480)<\/td>\n<td valign=\"top\">Kirchner bringt mit diesem Bretrachterstandpunkt seine Motive im Spiel von Vorder- und Hintergrund in einen deutungsreichen Dialog (Selbstbildnis als Soldat, Kirchner, 1915)<\/td>\n<td valign=\"top\">Mit erh\u00f6hter Zentrierung und angeschnittenen R\u00e4ndern erf\u00e4hrt der Betrachter bei Mondrians Werk eine frontal fokussierte, leicht schwebende, monumentale Komposition (Komposition mit Linien, Mondrian, 1916)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h1>Die Funktion einer Komposition<\/h1>\n<p>Eine Bildkomposition stellt also nicht einfach nur die Wirklichkeit dar. Sie ist aber auch nicht nur eine formale Spielerei, um ein Bild &#8222;h\u00fcbsch&#8220; wirken zu lassen. Eine Komposition hat viel mehr M\u00f6glichkeiten zur Wirkung auf den Betrachter und auch eine erz\u00e4hlerische Komponente. Die Wirkung der Komposition kann je nach Auspr\u00e4gung Monotonie oder Spannung, Stabilit\u00e4t oder Dynamik, Harmonie oder Disharmonie hervorrufen, was zum Gehalt und Erlebnis eines Werkes beitr\u00e4gt. So wurde als Kompositionsschema etwa in der Hochrenaissance gerne auf harmonische Proportionen wie dem goldenen Schnitt und auf stabilisierende Symmetrien gesetzt, w\u00e4hrenddessen im Barock nicht selten Diagonalen und Ellipsen verwendet wurden, um damit das Werk dynamisch oder wuchtig wirken zu lassen.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td style=\"width: 161px;\" valign=\"bottom\">&nbsp;<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Raphael_-_Madonna_in_the_Meadow_-_Google_Art_Project.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/5\/5a\/Raphael_-_Madonna_in_the_Meadow_-_Google_Art_Project.jpg\/187px-Raphael_-_Madonna_in_the_Meadow_-_Google_Art_Project.jpg\" alt=\"\" width=\"156\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 114px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Tizian_041.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/9\/9e\/Tizian_041.jpg\/130px-Tizian_041.jpg\" alt=\"\" width=\"109\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 273px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Peter_Paul_Rubens_-_The_Fall_of_Phaeton_(National_Gallery_of_Art).jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/e\/eb\/Peter_Paul_Rubens_-_The_Fall_of_Phaeton_(National_Gallery_of_Art).jpg\/320px-Peter_Paul_Rubens_-_The_Fall_of_Phaeton_(National_Gallery_of_Art).jpg\" alt=\"\" width=\"268\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<td style=\"width: 164px;\" valign=\"bottom\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Caspar_David_Friedrich%27s_Chalk_Cliffs_on_R%C3%BCgen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/a\/a7\/Caspar_David_Friedrich's_Chalk_Cliffs_on_R\u00fcgen.jpg\/191px-Caspar_David_Friedrich's_Chalk_Cliffs_on_R\u00fcgen.jpg\" alt=\"\" width=\"159\" height=\"200\"><\/a><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\">Die Dreieckskomposition im Vordergrund, Axialsymmetrie und der goldene Schnitt im Hintergrund befriedigen ein \u00e4sthetisches Harmoniebed\u00fcrfnis und vermitteln g\u00f6ttliche Eintracht, Sicherheit und Stabilit\u00e4t (Madonna im Gr\u00fcnen, Raffael, 1505)<\/td>\n<td valign=\"top\">\n<p>Die horizontal getrennten Ebenen mit Quadrat f\u00fcr Irdisches und Kreis f\u00fcr \u00dcberirdisches werden mittels vertikaler roter Farbkomposition zusammengehalten (Maria Himmelfahrt, Tizian, 1516\/ 1517)<\/p>\n<\/td>\n<td valign=\"top\">\n<p>Die Diagonalen und gedachte schiefe Ellipse, die \u00fcber Pferde, Wagen und Figuren gezeichnet werden kann, bildet ein im Barock modisches Kompositionsschema und unterst\u00fctzt hier in Rubens Bild die Dynamik und Wucht der Szenerie (Der Sturz des Phaethon, Rubens, um 1604\/ 1605)<\/p>\n<\/td>\n<td valign=\"top\">Friedrich nimmt in seiner monumental wirkenden Landschaftsmalerei das symmetrisch-zentrierte Kompositionsschema auf und verst\u00e4rkt es hier am Rand mit einer abgedunkelten Vignettierung, was einen hypnotisierenden Tunnelblick erzeugt (Kreidefelsen, 1818, Friedrich)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die erz\u00e4hlerische Komponente von Kompositionen enthalten oftmals narrative Codes, die erlernt werden m\u00fcssen &#8211; etwa dann, wenn es darum geht, die Flucht von Figuren zu versperren, das Sakrale vom Profanen zu trennen oder etwas Sch\u00fctzendes oder B\u00f6ses \u00fcber eine ganze Szenerie herrschen zu lassen. Bei ikonographischen Konzepten &#8211; also bei wiederkehrenden Bildmotiven, die einmal entwickelt wurden und dar\u00fcber hinaus Verwendung fanden &#8211; wird mittels der Komposition sogar auf ganze Konzepte und Philosophien verwiesen. In der christlichen Ikonographie etwa verweist insbesondere seit der Renaissance die Dreieckskomposition auf die heilige Dreifaltigkeit und somit auf das G\u00f6ttliche. Der goldene Schnitt vermittelt seit der fr\u00fchen Neuzeit bis heute Harmonie und Eintracht. Der Kreis symbolisiert das Unendliche oder das Quadrat das Irdische. Knifflige Ordnungsprinzipien m\u00f6gen an spezifische Kulturen und Zeitgeschichten gebunden sein. Jedoch nicht selten \u00fcberlebten und entwickelten sich jahrhundertalte Konventionen der Kompositionslehre weiter, die sich heute in der Unterhaltungsindustrie und im Mainstream der Konsum\u00e4sthetik manifestieren. Sie bilden die Grundlage unserer ausdifferenzierten Kommunikation und Kultur von heute. Nur sind sich dessen wenige bewusst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Gestaltung und Kunst ist die Relevanz der Kompositionslehre vergleichbar mit der Formen-, Farben&#8211; und Perspektivenlehre.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1832,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[84],"tags":[],"class_list":["post-589","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-theorie"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/589","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=589"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/589\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1834,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/589\/revisions\/1834"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1832"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=589"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=589"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=589"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}