{"id":532,"date":"2014-11-02T11:49:18","date_gmt":"2014-11-02T11:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/2014\/11\/02\/bildimmersion\/"},"modified":"2024-03-23T21:54:39","modified_gmt":"2024-03-23T21:54:39","slug":"bildimmersion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/bildimmersion\/","title":{"rendered":"Bildimmersion"},"content":{"rendered":"\n<p>In diesem Beitrag wird ein rezeptions\u00e4sthetisches Bildmodell mit drei Schichten und semiotischen Bez\u00fcgen vorgestellt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<h3>Rezeption<\/h3>\n<p>Ein Bild ist ein rezeptionsbedingter Gegenstand. Rezeption ist die Aufnahme eines Werkes durch den Betrachter bzw. die Betrachterin. Das heisst, der Mensch macht nicht nur Bilder, in dem er sie physisch produziert sondern rezipiert. So werden auch etwa Wolkenformationen bei entsprechender Rezeption zu Bilder, gleichwohl diese nicht von Menschenhand produziert wurden.<\/p>\n<h3>Bildimmersion<\/h3>\n<p>Der Vorgang beim Betrachten eines Bildes gleicht dem Eintauchen in eine eigene Welt, was als Bildimmersion bezeichnet wird (lat. <span lang=\"la\">immersio =<\/span> Eintauchen). Das Medium Bild hat eine unmittelbare immersive Kraft, die mit Audio und Interaktivit\u00e4t noch erheblich unerst\u00fctzt werden kann. Im Gegenteil zum Text scheint das Eintauchen in ein Bild relativ leicht zu fallen. Dies ist auf der einen Seite reizend aber auch verf\u00e4nglich. Denn bei einem naiven Bildzugang wird das Bild als Medium leicht ausgeblendet. Selbstverst\u00e4ndlich ist es wichtig, ein Bild geniessen zu k\u00f6nnen. Das emphatische Eintauchen in ein barockes Gem\u00e4lde oder grosses Monochrom der 60er Jahre aber auch in einen epischen Hollywoodfilm oder in ein Ego-Shooter-Game kann \u00fcberw\u00e4ltigend sein (siehe dazu z.B. die Videoarbeit von <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/video\/magazine\/1194833565213\/immersion.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Robbie Cooper<\/a> der NY Times). F\u00fcr einen Moment wird das Bild nicht mehr sp\u00fcrbar und der Inhalt zum Surrogat (Ersatz) einer vollen und scheinbar kontrollierbaren Realit\u00e4t. Klar ist aber auch, dass der Betrachter w\u00e4hrend dieses Genusses sehr ausgesetzt, verletzlich und manipulierbar ist. Es sind verschiedene Bildschichten, die der Betrachter w\u00e4hrend der Immersion durchdringt und welche die Bildrezeption und damit den Betrachter stark mitbeeinflussen. Und somit wird klar, dass f\u00fcr die souver\u00e4ne Bildrezeption nebst dem genussvollen Eintauchen in ein Bild auch der Umgang mit den Bildschichten und die Reflexion von sich selbst ge\u00fcbt sein muss.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-531\" src=\"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Immersion.gif\" alt=\"Immersion\" width=\"505\" height=\"332\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Abb. 1: Immersionsprozess durch die drei Schichten<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h3>Materielle, visuelle und ikonische Schicht<\/h3>\n<p>Der Betrachter durchdringt w\u00e4hrend der Bildimmersion drei wesentliche Schichten: die materielle, visuelle und schliesslich ikonische Schicht (ikonisch = abbildend). Jede Schicht funktioniert autonom. Sie hat ihre eigenen Elemente und somit auch ihren eigenen Raum. Die Elemente der materiellen Schicht wie \u00d6lfarbe oder Monitorpixel bespielen den materiellen Raum, die Elemente der visuellen Schicht wie Punkt, Linie, Fl\u00e4che den zweidimensionalen bildnerischen Raum und die Elemente der ikonischen Schicht, welche reale oder erfundene Elemente repr\u00e4sentieren, den (ab)bildenden Raum. Alle Elemente zeigen formale Eigenschaften wie Farbe, Form und Textur &#8211; oder teils auch Gewicht, Geruch, Temperatur etc. wenn auch real, nur syn\u00e4sthetisch oder ikonisch. Auch besitzen die Elemente der jeweiligen Schichten eine eigene Ikonographie und Ikonologie (z.B. Stichwort <a href=\"http:\/\/www.uni-hamburg.de\/Materialarchiv\/home.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Materialikonographie<\/a>). Genauso wie die Elemente und Schichten autonom wahrgenommen werden k\u00f6nnen, wirken diese auch im Zusammenspiel mit anderen Elementen \u00fcber die eigene Bildschicht hinaus, wodurch ein komplexes und anregendes Spiel \u00fcber den gesammten Bildraum entstehen kann und sich das Bild in seiner Bedeutung erst entfaltet.<\/p>\n<h3>Immersive Dichte<\/h3>\n<p>Je nach Bild unterscheiden sich Zusammensetzung und Intensit\u00e4t der verschiedenen Schichten. Diese sogenannte immersive Dichte ist unter anderem abh\u00e4ngig von historischen oder kulturellen Bedingungen aber auch von Darstellungsfunktion, Absicht und individuellen Interessen. So wurde im Neolithikum beispielsweise bei bandkeramischen Gef\u00e4ssen mit dekorativer Absicht ein Schwerpunkt auf die materlielle und visuelle Schicht gelegt, w\u00e4hrend bei H\u00f6hlenmalereien (z.B. Chauvet oder in Altamira) ein Schwerpunkt auf die ikonische Schicht gelegt wurde. Diese ikonische Schicht geriet gegen Ende der alt\u00e4gyptischen Kunst, in der Antike und schliesslich in der Neuzeit in virtuose Auspr\u00e4gung, sodass wir noch heute ungleich viele Konzepte zur Bew\u00e4ltigung der ikonischen Schicht kennen: Fluchtpunktperspektive, Farbperspektive, Luftperspektive, Techniken zur Farbmodullation, Schattenkonstruktionen, additives und subtraktives Konstruieren, Figur am Horizont, perspektivische Merkmale &#8211; um nur die Wichtigsten zu nennen.<\/p>\n<p>Ab der klassischen Moderne, also etwa in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, galt hingegen eher eine Rekonfiguration oder sogar Abwendung von der ikonischen Schicht zur visuellen Schicht und etwas sp\u00e4ter auch zur materiellen Schicht, was sich in der H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zuspitzte. So versuchten zum Beispiel Kasimir Malewitsch im Suprematismus oder Piet Mondrian im de Stijl bewusst die ikonische Schicht aufzul\u00f6sen bzw. diese zu negieren. Marcel Duchamp ersetzte in seinen Readymades die ikonische Schicht mit realen Gegenst\u00e4nden. Jackson Pollock verwies mit dem Material als Indize auf einen stattgefundenen Prozess im realen Raum. Und Yves Klein stellte in seinen Anthropometrien eine direkte und eigenartige Verbindung \u00fcber die Realit\u00e4t von der materiellen zur ikonischen Schicht her (K\u00f6rper als Stempel). Hingegen scheint es James Turrells Konzept zu sein, den ikonischen Lichtraum auf die visuelle Schicht zu verdichten, womit auch eine Irritation in der materiellen Schicht herbeigef\u00fchrt wird. Und Joseph Beuys war mit seinen Installationen ein Meister der materiellen Schicht, der das &#8222;Bild&#8220; ohne visuelle und ikonische Schicht aufzul\u00f6sen und direkt in einen eigenen ikonographischen Raum \u00fcberzuf\u00fchren vermochte.<\/p>\n<p>\u00a0Siehe auch <a href=\"http:\/\/www.theoria.ch\/cms\/bildimmersion\/\">Die Bildimmersion und ihre Schichten<\/a> auf theoria.ch<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Beitrag wird ein rezeptions\u00e4sthetisches Bildmodell mit drei Schichten und semiotischen Bez\u00fcgen vorgestellt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":531,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[84],"tags":[29,36,24,23],"class_list":["post-532","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-theorie","tag-bildraum-perspektive","tag-komposition-bildflaeche","tag-kunstgeschichte-bildwissenschaft","tag-wahrnehmung"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/532","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=532"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/532\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7432,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/532\/revisions\/7432"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/media\/531"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=532"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=532"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstunterricht.ch\/e\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=532"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}