Fasnacht ist Ausnahmezustand: Rollen kippen, Normen wackeln, Kritik darf lachen. In diesem Projekt entsteht eine individuelle, nicht käufliche Maske, die gespielt, getragen und gelesen wird – als Verfremdung, als Rolle, als Kommentar. Zwischen Humor und Irritation wird Gestaltung zum Mittel, um Identität, Macht und Konventionen sichtbar zu machen.
Lernziele/ Kompetenzen
- Formale, materielle und inhaltliche Mittel auf Erscheinung, praktische und kulturelle Funktion gezielt einsetzen
- Masken als kulturelle Erzeugnisse analysieren und deuten
- Stärkung der Prozesskompetenz (steuern, reflektieren, dokumentieren)
Vorkenntnisse/ Vorübungen
- Grundelemente kennen (Form, Farbe, Textur, Raum, Körper, Material, …)
- Prozessorientiertes Arbeiten
- Ikonographische Kurzrecherche (Figuren, Symbole, Archetypen, …)
- Fotografie-Übung mit Kostüm-Proben (Pose, Licht, POV, Ausschnitt, …)
Auftrag
Fasnachtskostüme und Masken werden in ihrem künstlerischen Potenzial oft trivialisiert und damit unterschätzt. Dabei nutzen sie den gesellschaftlichen Ausnahmezustand der Fasnacht als kulturellen Spielraum für Rollenwechsel, Verfremdung und Überzeichnung. In ihrer gestalterischen Artikulation können sie humorvoll, irritierend oder kritisch mit Ästhetik, Identität, Werte, Narrative, Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Normen umgehen. Daraus entsteht ein vielschichtiges künstlerisches Spielfeld.
Entwickle und realisiere eine individuell gestaltete, tragbare Maske für die Fasnacht und dieses Potenzial auslotet (z.B. Gesichtsmaske, Kopfaufsatz, Helmmaske, Kopfskulptur etc.). Ausgangspunkt sind eigene visuelle Äusserungen und offene, experimentelle Ideen – kein bestehendes Maskenmodell oder sogar im Handel erhältliche Modelle. Die Gestaltung ist formal, inhaltlich und materiell begründet. Im gestalterischen Prozess werden neben dem Spiel mit kulturellen Bedeutungen und gestalterischer Artikulation auch praktische Funktionen berücksichtigt (Tragbarkeit, Sicht, Handhabung). Der Gestaltungsprozess wird insbesondere visuell nachvollziehbar dokumentiert und reflektiert. Detailinformationen zu möglichen Themen, formalen Grundlagen, Materialien und Verfahren befinden sich im Anhang.
Vorgehen
1. Vorarbeit
Ideenfindung (Bleistift auf Zeichenpapier): Vielzahl und Variation eigener visueller Äusserungen und Ideen (prozessorientierte Vorstellungswelten).
Recherche & Kontextualisierung (Webbilder sichern, Printen, Kleben und weiter auf Zeichenpapier): Analyse bestehender Figuren und Wesen aus Mythologie und Mainstream mit Weiterführung der Skizzen in Bezug auf Wirkung, kulturelle Bedeutung und gestalterische Artikulation. Thematische Verortung im Kontext von Fasnacht (Ausnahmezustand, Rollenwechsel, Verfremdung, Kritik).
Formstudien (Plastilin, Licht und Fotografie, Print): Räumliche Studien mit neutral weissem Plastilin zur Klärung von Volumen, Anordnung und Ansätzen der praktischen Funktion.
Material- & Funktionsstudien (diverse Materialien, Verfahren und Fotografie, Print): Erprobung von Materialien und Konkretisierung der praktischen Funktionen (Sicht, Tragbarkeit, Handhabung, Bewegung, Positionen).
2. Entwurf
Grober visueller Entwurf mit stichwortartigen Angaben (diverse Zeichen- und Schreibmaterialien auf Zeichenpapier) zu Inhalt, Form, Material, Konstruktion, Verfahren, Funktion etc.
3. Umsetzung und Dokumentation
Umsetzung der Maske (diverse Materialien): Realisierung der Maske mit frei gewählten Materialien und Verfahren unter Einhaltung der Sicherheitsvorgaben (keine leicht entflammbare Materialien etc.).
Dokumentation & Präsentation: Nachvollziehbare Prozessdokumentation, fotografische Inszenierung mit dem Endprodukt und reflektierte Darlegung.
Kriterien
Gestalterische Umsetzung (Form – Material – Funktion)
Überzeugende, eigenständige Umsetzung der Maske mit stimmigem Zusammenspiel von Form, Material und praktischer Funktion (Tragbarkeit, Sicht, Handhabung).
Kreativität, Prozess und Inhalt
Kreative Überzeugungskraft der Idee im Verlauf des Gestaltungsprozesses mit Weiterentwicklung, Variationen, inhaltliche Zuspitzung zu einem prägnanten Endprodukt mit überzeugendem Bezug zu Fasnacht (Rollenwechsel, Verfremdung, Humor, Irritation oder Kritik).
Gestalterische Qualität von Studien und Dokumentation
Aussagekräftige, gekonnte Skizzen, Plastilin-Modelle, Material- und Funktionsstudien sowie fotografische Inszenierung mit gut vermittelter visuell geführten Dokumentation inkl. weniger aber prägnanter Stichworte.
Anhang
Inhaltliche Annäherung
1. Rolle, Identität & Maske
- Rollenwechsel, Selbst- und Fremdbilder
- Maske als Schutz, Verstellung, Überzeichnung
- Identität zwischen Individuum und Kollektiv
2. Mythos, Figur & Bildtradition
- Archetypen, mythologische Figuren, kulturelle Bildmuster
- Wiederkehrende Narrative (Held, Trickster, Dämon, Narr)
- Transformation historischer Bildwelten in die Gegenwart
3. Mainstream, Macht & Normen
- Zeitgenössische Ästhetiken (Pop, Medien, Konsum)
- Werte, Erwartungen, Machtverhältnisse
- Humor, Irritation oder Kritik an gesellschaftlichen Normen
4. Abstraktion & Übersetzung
- Begriffe, Zustände, Systeme als Ausgangspunkt
- Tiere oder Objekte als Konzept, nicht als Abbild
- Übersetzung von Idee → Form → Körper
Annäherung zu Material und Verfahren
1. Trägermaterial & Grundform
(Worauf baut die Maske auf?)
- Papier, Karton, Pappe
- Draht, Schaumstoff
- Textil, Netz, Gaze
- vorhandene neutrale Maskenformen (nur als Basis)
2. Formgebung & Aufbau
(Wie entsteht Volumen und Ausdruck?)
- Schneiden, Falten, Stecken
- Schichten, Kaschieren (z. B. Papier / Leim)
- Additiver Aufbau (Anbauten, Wucherungen, Module)
- Assemblage (Zusammenfügen unterschiedlicher Teile)
3. Oberfläche, Struktur & Farbe
(Wie wirkt die Maske visuell und haptisch?)
- Farbe (matt / glänzend, reduziert / kontrastreich)
- Textur (glatt, rau, weich, hart)
- Materialkontraste
- Patina, Überzeichnung, Reduktion
4. Körperbezug & Funktion
(Wie wird die Maske getragen und erlebt?)
- Sicht / Blickführung
- Tragbarkeit / Gewicht
- Befestigung (Bänder, Auflage, Helmprinzip)
- Aktiv- und Pausenposition
- Beweglichkeit / Starrheit
5. Experiment & Übersetzung
(Wo wird aus Material Bedeutung?)
- Material als Bedeutungsträger
- Objekt oder Tier als Konzept
- Modular, wandelbar, klappbar
- Kombination von Form, Funktion und Aussage

Beitragsbild: Der Einzug Christi in Brüssel, 1888/89, James Ensor, Öl auf Leinwand, 253 × 431 cm, J. Paul Getty Museum, Los Angeles (gemeinfrei via wp)
