Dieser Leitfaden führt in das Arbeiten mit Keramik im Kunst und Designbereich ein und erschliesst handwerkliche Aspekte. (Beitrag in Arbeit)
A) Anwendungsbereich
Keramik ist ein äusserst vielseitiges Material, das für eine Vielzahl von künstlerischen Anwendungen genutzt wird, darunter Skulpturen (subtraktives Arbeiten aus Tonblöcken), Plastiken (additives Arbeiten inkl. Gusstechniken) und Töpferwaren (Drehen und Formen).
Künstlerische Keramik kommt in Disziplinen wie Architektur, Produktdesign, Bildende Kunst, Archäologie oder auch Ingenieurwissenschaften zum Einsatz – abgesehen von der technischen Keramik in der industriellen Anwendung. Die Kulturgeschichte der Keramiknutzung reicht weit zurück. Seit über 27’000 Jahren wird Ton für künstlerische Zwecke genutzt, und als Baumaterial ist er seit der Jungsteinzeit im Einsatz.
B) Material und Werkzeug
Ausgangsmaterial
Keramische Massen (Ton etc.) – die Bezeichnungen können je nach Werkstatt variieren:
- Sinterzeug (sintern = „zusammenbacken“, wird mit Brand wasserdicht)
- Porzellan: 1200-1500°C, weiss, feinkörnig, transluzent, dicht und klingt hell
- Steinzeug: 1200-1300°C, grau/ cremefarbig/ braun, teils gesprenkelt, dicht, stark
- Irdengut (irden = „aus Erde gemacht“, nur mit Brand und Glasur wasserdicht)
- Steingut: ca. 1050-1150°C, weiss/ cremefarbig/ hellgrau, dicht und klingt hell
- H-Ton (schamottierte Terrakotta): ca. 900-1050°C, rot (erhöhter Eisenanteil)
- G-Ton (Feinton): ca. 900-1050°C, weiss bis hellgrau, eher dicht
- Raku-Ton: 800-1000°C, Farbe/ Textur variieren stark, porös und klingt dumpf
Zustände keramischer Massen:
- Schlicker (flüssig bis sahnig als Giessmittel, Bindemittel oder zur Dekoration)
- Plastisch (klassischer Zustand zum Modellieren/ Verformen)
- Lederhart (noch feucht aber nicht mehr plastisch sonder hart wie Leder)
- Frisch engobiert (lederharte Masse mit schlickartigem Färbemittel bemalen)
- Grünware (knochentrocken und sehr zerbrechlicher Zustand)
- Biskuit/ Schrühware (nach Rohbrand bei niedrigen Temperaturen, noch nicht versiegelt)
- Glasurrohware (nach Rohbrand frisch mit farbiger oder transparenter Glasur bemalen)
- Keramik (nach zweitem noch heisserem Glasurbrand für versiegelte oder ohne Glasur direkt nach Einbrand für matte und nichtversiegelte Oberfläche)
Weiteres:
- Schamotte (alle Massen können schamottiert werden, d.h. mit bereits gebranntem, gemahlenem Ton versetzt werden, um die Schwindung und Spannungen beim Trocknen und Brennen zu verringern, verlieren aber an Dichte, Plastizität und Glätte)
- Engobe (Färbemittel aus Mineralfarben und Schlicker meist aus derselben Masse des Objekts, das im lederhartem Zustand aufgetragen und mit dem Rohbrand gefestigt wird)
- Glasur („flüssiges Glas“, das auf die Schrühware aufgetragen wird und im Glasurbrand mit dem Objekt verschmilzt und die Tonware transparent, mit Farbe oder verschiedenen Oberflächen versiegelt)
- Paperclay (zur einfacheren Bearbeitung mit Papierfasern versetzt)
- Klinkerton (Steingut mit Sinterung)
- …
Grundausrüstung
- Arbeitsfläche: Glatte Tischplatte oder Kunststofftischdecke, evtl. Räderscheibe (Töpferscheibe) oder andere harte Unterlage (z.B. altes Holzbrett)
- Schneidedraht, feuchter Lappen, Schwämme, kleines Wasserbecken zum Benetzen und grösseres Wasserbecken zum Spülen der Werkzeuge (von ca. 30cm x 30cm)
- Plastikfolie bzw. luftdichte Hüllen zum Feuchthalten und kotrollierten Trocknen
- Eigener Brennofen oder externe Keramik-Werkstatt, zum Brennen der Objekte
Weiterer Bedarf für spezifische Verfahren
- Verformen: Modellierhölzer, Paddel und andere Hölzer (rund, flach, …)
- Schnitzen (subtraktive Bearbeitung): Messer, Stahlbandschlinge
- Plattenproduktion: Paddel oder Wallholz, Blätterstäbe (Holzleisten) sowie Baumwolltuch
- Oberflächenbehandlung: Löffel, Nadel, Strukturwerkzeug, Ziehklinge, Rundschaber
- Verbinden oder auftragen feiner Reliefs: Schlicker, verschliessbare Schale und Pinsel
- Bemalen: Engobe, verschliessbare Schale und Pinsel
C) Arbeitsprozess
Vorbereitung
- Evtl. Produktion von Schlicker zum Verbinden oder Dekorieren
- Evtl. Vorbereiten der Engobe zum späteren Einfärben (auf lederhart)
Bearbeitung
- Pinchen (mit Finger zum Verformen zusammendrücken und verschieben)
- Schnitzen (mit Schnitzmesser, Schlingen und Ziehklingen im lederharten Zustand)
- Plattentechnik (zur Vorbereitung gemagerter (schamottierter) Ton Auswallen)
- Garnitur (Henkel, Verzierungen etc.) mit Schlicker spätestens bei lederhart anbringen
- Wülsten (Wülste in Bodendicke vorbereiten und mit feuchtem Tuch bedecken)
- Überformen (mit Gipskern auf Räderscheibe)
- Giessen (von der Urform zur Giessform aus Gips für Schlickerguss, Handguss, …)
- …
Oberflächenbehandlung
- Polieren (mit Löffel, Polierstein oder Holz im lederharten Zustand kreisförmig reiben)
- Strukturen anbringen (Bürsten, Abziehklingen mit diversen Formen etc.)
- Engobieren (Einfärbung mit Mineralfarben in sahnigem Schlicker = Engobe)
- Sgraffito (wenn die Engobe nicht mehr glänzt, jedoch das Objekt noch im lederhartem Zustand ist, oberste Farbschicht wegkratzen)
- Auswaschen
- …
Kontrolliert feucht halten oder trocknen
- Feucht halten: Zur Weiterbearbeitung Objekt in einem geschlossenen Plastikbeutel mit feuchtem (nicht nassem) Lappen einpacken.
- Trocknen: Langsame und insbesondere gleichmässige Trocknung des Objekts mit überdeckten Plastikfolien immer wieder öffnen und schliessen, Objekt vorsichtig wenden, bis die Masse nicht mehr feucht richt oder kühler als der Raum ist, danach vor dem Brennen sicherheitshalber noch einige Tage stehen lassen.
Brand
- Rohbrand: Brenntemperatur und Vorgehen gemäss Anleitung zum Produkt. Nur knochentrockene Objekte brennen, Ofen langsam bis 600°C aufheizen (Quarzsprung bei ca. 573°C). Im ersten Brand Objekte direkt aufeinander, kleinere Objekt oben stapeln.
- Glasurbrand: Brenntemperatur und Vorgehen gemäss Anleitung zum Produkt. Objekte nur unter 1150°C auf Dreifüsse stellen, sonst direkt auf Brennplatte. Erhöhte Brennplatte und Abstand zwischen den Objekten für eine gute Luftzirkulation. Objekte mit Brennplatte in Etagen und etwas Luft, kleinere Objekt oben stapeln.
- Oder direkt mit Einbrand
Aufräumen
- Getrocknete Tonresten vom Tisch mit Spachtel grob abziehen und evtl. für Produktion von Schlecker sammeln. Tischfläche nun mit trockenen Lumpen abwischen, bevor diese schliesslich feucht aufgenommen wird.
- Werkzeuge wie Raspeln und Feilen trocken abbürsten und ausblasen
- Wasserfeste Werkzeuge sowie tonverschmierte Hände im Wasserbecken mit stehendem Wasser auswaschen, bevor diese unter dem fliessenden Wasser abgewaschen werden.
- Wasserbecken 10 min stehen lassen (der Ton senkt sich)
- Wasser vorsichtig bis zum Tonfond ablaufen lassen
- Tonfond z.B. mit Kartonresten aus dem Becken ausschaben und entsorgen (geringe Mengen können in den Restmüll, grosse Mengen müssen fachgerecht entsorgt werden)
Links
- Keramikwerkstatt – ZHdK-Videos
- Töpfern, ein kurzer Leitfaden – Michel Keramikbedarf
Beitragsbild: Unterrichtsexperimente mit Keramik (cc nc nd)
