Farbtheorie & Farbenlehre im Verlauf der Geschichte

Farbtheorie & Farbenlehre im Verlauf der Geschichte

Was ist Farbe – Stoff, Licht, Empfindung? Je nach Epoche wurde Farbe ganz unterschiedlich verstanden. Für den Kunstunterricht ist diese Vielfalt produktiv: Sie verbindet Wahrnehmung, Theorie, Technik und Praxis. Der folgende Abriss setzt in acht Stationen bewusst Schwerpunkte und versteht Farbtheorie als Werkzeug für Gestaltungsprozesse und visuelles Denken. Die Stichworte sollen zur weiteren Recherche anregen, wodurch der Farbzugang in Theorie und Praxis gestärkt wird.

Farbe ist kein festes Ding, sondern ein komplexes Zusammenspiel von Licht, Wahrnehmung, Kultur und Gestaltung. Die Geschichte der Farbenlehre zeigt nicht den Weg zu einer einzigen Wahrheit, sondern zu unterschiedlichen Modellen, mit denen Farbe verstanden und genutzt wird. Diese Übersicht ist bewusst für den Kunstunterricht konstruiert und verbindet historische Positionen mit gestalterischer Praxis.

1. Antike: Farbe als Erscheinung (Eidolon)

In der Antike entsteht Sehen nicht im Inneren des Menschen, sondern zwischen Mensch und Welt. Über sogenannte Eidola (Erscheinungsbilder) gelangt das Sichtbare zum Auge (u.a. bei Aristoteles, siehe auch De coloribus).

Zentral:

  • Farbe ist Erscheinung, nicht Eigenschaft.
  • Abhängig von Licht, Medium, Distanz, Wahrnehmung.
  • Weiss/Schwarz als Pole, Farben als Abstufungen.

Kunstunterricht: Farbe ist relational und prozessual.

2. Mittelalter: Farbe als Bedeutung

Farbe wird weniger untersucht als gedeutet. Die Anzahl klar benannter Farben ist gering (Weiss, Schwarz, Rot, Gelb, Grün, später Blau).

Charakteristisch:

  • Symbolische und theologische Codierung
  • Ikonografische Regeln statt Naturbeobachtung
  • Späte Aufwertung von Blau (Marienverehrung)

Kunstunterricht: Farbe transportiert Weltbilder.

3. Neuzeit: Farbe als physikalisches Phänomen

Mit Isaac Newton wird Farbe experimentell zerlegt. Weisses Licht enthält das sichtbare Spektrum.

Errungenschaften:

  • Trennung von Lichtfarbe / Körperfarbe
  • Additive Farbmischung
  • Farbkreis als Ordnungsmodell

Kunstunterricht: Farbe wird messbar, aber auch abstrahiert.

4. Um 1800: Farbe als Wahrnehmung und Erlebnis

Johann Wolfgang von Goethe rückt das Erleben ins Zentrum.

Beitrag:

  • Nachbilder, Sukzessiv- und Simultankontrast
  • Plus- und Minusfarben
  • Psychologische und körperliche Wirkung

Kunstunterricht: Wahrnehmung ist aktiv.

5. Romantik: Farbe in 3D

Philipp Otto Runge entwickelt die Farbkugel (1810).

Warum zentral:

  • Erleben von Farbe als dreidimensionaler Raum
  • Farbton, Helligkeit, Sättigung vereint
  • Übergänge statt Kategorien

Kunstunterricht: Farbe ist kontinuierlich und gestaltbar.

6. Das 19. Jahrhundert: Farbe in der Umgebung und im System

Michel Eugène Chevreul

  • Gesetz des Sukzessiv- und Simultankontrasts
  • Farben beeinflussen sich gegenseitig

Albert Munsell

  • Systematische Ordnung nach Farbton, Helligkeit, Sättigung
  • Grundlage moderner Farbmodelle, Farbe benennen und ordnen

Kunstunterricht: Farbe ist abhängig vom Wahrnehmungsprozess und systematisch beschreibbar.

7. Moderne: Farbe als Gestaltung und Erfahrung

Johannes Itten

  • Die sieben Farbkontraste, Farbordnung und Ausdruck

Josef Albers

  • Interaction of Color
  • Farbe ist relativ und täuschend
  • Lernen durch Übung

Kunstunterricht: Farbe als bewusstes Gestaltungsmittel.

8. Gegenwart: Technik, Kultur, Konstruktion

Technisch:

Kulturell und psychologisch:

  • Design, Architektur, Therapie
  • Visuelle Kommunikation

Kunstunterricht: Farbe ist konstruiert, wahrgenommen und kulturell geprägt.

Abschliessend bleibt festzuhalten: Die Geschichte der Farbenlehre zeigt keine lineare Entwicklung, sondern eine Vielfalt von Modellen, mit denen Farbe verstanden wird: als Erscheinung, Bedeutung, Messgrösse, Erlebnis, Raum oder technisches Signal.

Für den Kunstunterricht bedeutet das: Farbtheorie ist kein Regelwerk, sondern ein Denk- und Wahrnehmungsinstrument, das in die Praxis führt – zu Sehexperimenten, Farbstudien, eigenen Farbräumen und kritischer Bildanalyse. Farbe existiert nicht einfach – sie wird gesehen, gedacht, konstruiert und gestaltet.


Beigragsbild: Farbenkreis zur Symbolisierung des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, 1809, Goethe (cc via wm)

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