Falls man als Besitzer einer stolzen Kamera den Anspruch hat, selbst die Fotografie zu machen und nicht wie der Knipser vom Apparat gesteuert zu werden, ist es unabdingbar, sich mit den Gestaltungsmittel der Fotografie auseinanderzusetzen. Die wichtigsten Gestaltungsmittel werden hier für den Amateur der Fotografie grob vorgestellt.

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Sir John Herschel (1867) von Julia Margaret Cameron, die mit Low-key und bereits sehr früh bewusst mit Unschärfe als Gestaltungsmittel experimentiert (Repro lizenziert unter Wikimedia Commons)

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Die zwei Lebenswege (1857) von Oscar Gustave Rejlander, der mit Inszenierung, einer aufwendigen Fotomontage und Retusche bereits wenige Jahre nach der Bekanntgabe der Fotografie einen Grossteil der Gestaltungsmittel der Malerei für die Fotografie adaptieren konnte, abgesehen von Farbe, Duktus etc. (Repro lizenziert unter Wikipedia)

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Eier (etwa 1930) von Aenne Biermann, die hier intensiv mit Licht, Abstraktion und Komposition der Bildfläche spielt (Repro lizenziert unter Wikimedia Commons)

 

Komposition 

Bildraum 

Der Bildraum kann grob in Vorder-, Mittel- und Hintergrund eingeteilt werden. Will man ein starke Raumtiefe und somit Wirklichkeitsnähe erzeugen, sollten in jede Bildebene - also in Vorder-, Mittel- und Hintergrund - Objekte platziert bzw. der Standort dementsprechend gewählt werden. Will man dagegen eine flache und ornamentale Darstellung z.B. um dekorativ oder plakativ zu arbeiten, ist es teils hilfreich, alles in einer einzigne Raumebene zu platzieren. Somit lässt sich auch gut mit Muster und Strukturen arbeiten.

Für die Komposition ist es des Weitern wesentlich, welche perspektivische Ansicht man als Fotograf einnimmt. Durch die Wahl von Augenhöhe (z.B. 50 cm, 2 oder 3 m über dem Boden) und Blickwinkel (Vogel-, Normal- und Froschperspektive) steuert man die Wirkung, die das Foto erzielen wird. Denn der zukünftige Betrachter des Fotos nimmt beim Betrachten des Bildes wortwörtlichen den Standpunkt des Fotografen ein. Will man z.B. einen "ebenwürdigen" Dialog mit Kindern aufnehmen, ist es deshalb ratsam, bei der Aufnahme in die Knie zu gehen und in der Normalperspektive zu fotografieren. Und um eine Übersicht zu gewinnen oder das hektische Treiben in einer Menschenmenge festzuhalten, kann man sich auf eine Bank stellen und nach unten gerichtet, also in der Vogelperspektive fotografieren.

Durch eine Standpunktveränderung des Fotografen nach links oder rechts lässt sich zudem die Anordnung der Figuren und Objekte in der Horizontalen ändern um, z.B. eine Figur im Bild von der Gruppe frei zu stellen oder mit einem Gegenstand eine Figur zu überdecken. Damit sind wir beim Thema der Bildfläche angelangt. 

Bildfläche

Oftmals wird von Laien das fotografische Sujet in die Bildmitte gesetzt. Dadurch wirkt jedoch das Bild oftmals statisch und langweilig, was nicht unbedingt erwünscht ist. Um mehr Dynamik im Bild zu erhalten und beim späteren Betrachter des Bildes Aufmerksamkeit zu erzeugen, kann die Technik der Bilddrittelung eingesetzt werden. Bei der Technik der Bilddrittelung platziert man eines der vier Fadenkreuze auf das Sujet, die durch die zwei Horizontalen und zwei Vertikalen der Bilddrittelung entstehen. Es ist ebenfalls möglich, eine Gerade wie z.B. der Horizont, der einen markanten Flächenwechsel darstellt, z.B. auf die Höhe der unteren Bilddrittelung zu setzen, sodass eine interessante Wolkenformation 2/3 der Bildfläche einnimmt.

Allerdings gibt es weit mehr als nur die Möglichkeit der Bilddrittelung. Es lässt sich auch mit Diagonalen und anderen Elementen arbeiten. Manchmal kommt man durch das Experimentieren mit Symmetrien, Rhythmen oder Formanalogien auf interessante Resultate, was nicht nur die Aufmerksamkeit des zukünftigen Betrachters wecken kann, sonder womit auch interessante inhaltliche Anreize und Denkanstösse erzielt werden können.

Auf den Bildrand ist ein besonderes Augenmerk zu legen. Dabei ist zu achten, welchen Bezug die Sujets zum Bildrand einnimmt. Besteht noch ausreichend Platz oder sogar zuviel Platz? Scheint der Bildrand das Sujet fast zu berühren und deshalb vielleicht einen unangenehmen Druck oder Sog auszuüben? Oder wird es angeschnitten und erhält dadurch einen weiterführenden Raum?

 

Licht und Farbe

Das Licht ist ein wichtiges Gestaltungsmittel der Fotografie. Einerseits kann mit Licht die Blickbewegung des Bildbetrachters geführt werden. Der Betrachter eines Bildes richtet seinen Blick in der Regel oft an die Bildstelle mit dem grössten Helldunkel-Unterschied, um von da aus weitere Stellen im Bild zu erkunden und immer wieder auf die Stelle mit dem grössten Helldunkel-Kontrast zurück zu springen (Stichwort: Fixation und Sakkadensprünge).

Weiter kann das Licht als erzählerisches Element eingesetzt werden, indem verschiedene Elemente im Bild beleuchtet und somit zusammengeführt werden und andere im Dunkeln verschwinden. Je nach Seiten-, Ober-, Unter- oder Gegenlicht sowie weichem oder hartem Licht lassen sich sachliche oder theatralische Situationen inszenieren. Auch mit einem Farbstich und der damit verbundenen Farbwirkung lässt sich eine Stimmung einer Situation im Bild erzeugen, was zum wesentlichen Gehalt eines Bildes beitragen kann.

Einerseits lässt sich mit dem vorhandenen Licht arbeiten (aviable Light Fotografie) oder mit künstlichem Licht, wie Lampen und Blitzgeräte, die direkt oder indirekt via Wand oder Reflektoren, präzise gesteuert werden. In der Amateurfotografie sind nebst der Hochkontrastfotografie (HDR) gerade die Low-key und High-key-Photographie beliebt, in der dunkle bzw. helle Farbtöne vorherrschen. Um in der Fotografie die Gestaltungsmöglichkeiten mit Licht ausschöpfen zu können, gilt es - nebst der Auseinandersetzung mit den Einstellungsmöglichkeiten von Blende und Verschluss - sich mit Stativen, Empfindlichkeit (ISO) und Weissabgleich zu beschäftigen.

 

Schärfe

Nicht jedes Bild muss zwingend scharf sein. Denn mit Unschärfe lässt sich im Bild viel gestalten und erzählen. Man unterscheidet Tiefenschärfe (bzw. Tiefenunschärfe), Bewegungsunschärfe und Verwacklungsunschärfe.

Tiefenschärfe

Durch eine geringe Schärfentiefe kann z.B. ein scharf gezeichnetes Gesicht oder ein Objekt durch einen unscharfen Hintergrund abgegrenzt werden und an Wichtigkeit gewinnen. Eine geringe Schärfentiefe erhält man erstens durch das Arbeiten im Telebereich (grosse Brennweite z.B. 80 mm - evtl. mit Stativ) und zweitens durch eine grosse bzw. möglichst offene Blende (tiefe Blendenzahl z.B. 2.8 - in der Blendenautomatik). Im Gegensatz wird für eine grosse Schärfentiefe, also dann, wenn alles scharf sein soll wie bei klassischen Landschaftsbildern, eine kleine Blende und ein Weitwinkelobjektiv benutzt.

Bewegungsunschärfe

Die Fotografie ist zwar ein Standbild. Doch durch Bewegungsunschärfe können Personen und Objekte oder die Umgebung unscharf und somit dynamisch gestaltet werden. Dazu muss der Verschluss länger geöffnet sein, als die erwünschte Bewegungsphase dauert (lange Belichtungszeit z.B. 1/30 Sekunde für eine schnelle Handbewegung - in der Zeitautomatik). Durch eine statische Kamera lässt sich somit das Sujet in Bewegung darstellen (Tipp: manueller Fokus benutzen).  Und durch das Mitschwenken der Kamera wirkt die Umgebung dynamisch.

Verwacklungsunschärfe

Im Gegensatz zum Kunstbereich ist die Verwacklungsunschärfe im Amateurbereich und der professionellen Fotografie weniger verbreitet und in der Knipserfotografie sogar verpönt. Allerdings lässt sich auch hiermit viel gestalten. So erzählt ein verwackeltes Bild einiges über seine Entstehung und die Sicht auf das Sujet.