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In der rezeptiv-praktischen Analyse wird ein Gegenstand oder Phänomen nicht nur visuell, sondern auch mittels physischer Verarbeitung untersucht. So eine Analyse kann prinzipiell mit jedem Kunstwerk oder gestalterischen Produkt durchgeführt werden. Diese Anleitung beschränkt sich jedoch auf Bilder. Konkret sollen hier durch diverse Nachzeichnungen eines Bildes verschiedene Aspekte im Bild wahrgenommen und praktisch erlebt werden. (4GF)
- rezeptiv -> rezipieren = wahrnehmen, aufnehmen und verarbeiten eines Kunstwerkes, Gedankengutes
- praktisch -> praktizieren = physisch ausführen, machen, anstatt lediglich mit der reinen Vorstellung zu arbeiten
- Analyse -> analysieren = untersuchen, zerlegen eines Gegenstandes oder Phänomens
In dieser rezeptiv-praktischen Bildanalyse wird das Bild immer wieder mit "neuen Augen" betrachtet und von
Neuem gezeichnet bzw. interpretiert. So wird einmal z.B. die Bildeinteilung untersucht und
abstrakt nachgezeichnet, ein andermal die Helldunkelwerte und dergleichen. Ziel einer solchen Analyse ist
nicht nur die Förderung einer genauen Beobachtung, sondern auch die
Bildung von Argumenten für eine
formalästhetische Bildanalyse mit anschliessender Interpretation.
Die Ausführung der rezeptiv-praktischen Analyse ist prinzipiell mit
allen bildnerischen Medien möglich. Nicht nur mit der Zeichnung sondern
auch mit Malerei, Collage, Fotografie, Bildhauerei, ja sogar mit
Theater und Film. Auch bei der Anzahl der zu untersuchenden Aspekte
sind theoretisch keine Grenzen gesetzt. In diesem konkreten Leitfaden
werden jedoch die Anzahl der Aspekte bzw. Nachzeichnungen auf fünf beschränkt. Weiter wird
ein A4-Papier und ein Zeichenstift benutzt (Bleistift, Kugelschreiber,
Filz). Somit führt die Bildanalyse trotz geringem Material- und
Zeitaufwand effizient zu Resultaten. Sie ist zudem mit weiteren
Analyseblättern gut vergleichbar.
Beispielanalyse
In der Beispielanalyse wird ein Frühwerk von Jan Vermeer untersucht.
Jede der fünf Zeichnungen ist jeweils für eine bestimmte Kategorie bestimmt,
dessen Gesichtspunkte Sie weiter unten entnehmen können. Je nach Werkvorlage macht es Sinn, den einen oder anderen Aspekt zu untersuchen. Beobachten Sie neugierig, präzise aber auch kreativ!
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Vorlage:
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Fünf Nachzeichnungen auf ein A4-Blatt:
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A) Nachzeichnung inkl. Herauszeichnungen
Als erstes wird das Werk an dieser Stelle ganz einfach abgezeichnet.
Beginnen Sie mit dem Bildformat (Rahmung) in den korrekten
Proportionen. Zur Übertragung des Bildes von der Vorlage dürfen Sie
auch ein Zeichenraster benutzen (Raster auf Klarsichtfolie). Die
Tonwerte und Oberflächen sollen in einer geeigneten Schraffur
wiedergegeben werden. Zudem sollen ausserhalb dieser ersten Zeichnung
interessante Details, Gegenstände, Körperteile oder Kleidungsstücke am
Rande linear herausgezeichnet werden. Unterhalb dieser ersten Zeichnung
kommen schliesslich die Bildangaben zu stehen.
B) Bildfläche
Versuchen Sie nun in der zweiten Zeichnung die Bildeinteilung zu
entschlüsseln, indem Sie das Bild auf prägnante Bildflächen und
Kompositionslinien reduzieren. Vielleicht ergibt sich aus der
Komposition ein symbolträchtiger Bildaufbau mit Dreieck, Viereck, Kreis
oder Ellipse oder die Komposition wirkt durch auffällig viele vertikale
und horizontale Linien eher ruhig bzw. durch viele Diagonalen und
Richtungswechsel dynamisch. Vielleicht ist es aber auch nur ein
Element, das anders zur Gesamtkomposition steht und Aufmerksamkeit
verlangt. Teils kann es auch spannend sein, nur die Zwischenräume als
Flächen nachzuzeichnen. Gibt es eine Reihung, einen Rythmus, eine
Ballung, Verteilung, Symmetrie oder etwa Analogien in der Bildfläche? Wie ist die
Grössenverteilung?
C) Farbwerte
Lässt sich das Bild in eine helle und eine dunkle Fläche reduzieren oder zumindest
auf drei Farbstufen vereinfachen? Wo befinden sich die satten
Bildstellen, wo kommt überall Rot oder Blau vor?
D) Bildraum
Zeichnen Sie nun z.B. die Figur-Grund-Beziehung des Bildes durch die Umrisslinien des Hauptsujets heraus.
Oder versuchen Sie das Bild in Vorder-, Mittel- und Hintergrund
aufzulösen. Oder vielleicht lassen sich auch Fluchtpunkte und der
mathematische Horizont rekonstruieren. Bei manchen Bilder macht es
sogar Sinn, den Bildraum im Grundriss, also von oben, nachzubilden.
Und ganz einfach: Zeichnen Sie den Raum ohne Figuren und Objekte einmal nach!
E) Weiteres
Hier haben Sie noch Platz für eine weitere Analyse der obigen
Kategorien. Vielleicht möchten Sie aber auch noch etwas untersuchen,
das noch nicht vorgekommen ist. Wie schaut es mit den Blickrichtungen
aus? Diese können Sie mit Pfeilen veranschaulichen, um die Interaktionen der dargestellten Figuren besser nachzuvollziehen. Oder die Lichtquellen: Woher kommt das Licht? Gibt es Oberflächen
die sich wiederholen oder gegenseitig steigern? Wo sind die harten und
wo die weichen Gegenstände? Und dergleichen...
Literatur
- Dietrich Grünewald (Hrsg.): Kunst entdecken - Oberstufe, Ästhetisch Praktische Methode (S. 210 -213). 2009. Cornelsen.
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