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Beispiel einer rezeptiv-praktischen Bildanalyse Drucken E-Mail
Geschrieben von Thomas Schatz   
Sunday, 18. October 2009

In der rezeptiv-praktischen Analyse wird ein Gegenstand oder Phänomen nicht nur visuell, sondern auch mittels physischer Verarbeitung untersucht. So eine Analyse kann prinzipiell mit jedem Kunstwerk oder gestalterischen Produkt durchgeführt werden. Diese Anleitung beschränkt sich jedoch auf Bilder. Konkret sollen hier durch diverse Nachzeichnungen eines Bildes verschiedene Aspekte im Bild wahrgenommen und praktisch erlebt werden. (4GF)

  • rezeptiv -> rezipieren = wahrnehmen, aufnehmen und verarbeiten eines Kunstwerkes, Gedankengutes
  • praktisch -> praktizieren = physisch ausführen, machen, anstatt lediglich mit der reinen Vorstellung zu arbeiten
  • Analyse -> analysieren = untersuchen, zerlegen eines Gegenstandes oder Phänomens

In dieser rezeptiv-praktischen Bildanalyse wird das Bild immer wieder mit "neuen Augen" betrachtet und von Neuem gezeichnet bzw. interpretiert. So wird einmal z.B. die Bildeinteilung untersucht und abstrakt nachgezeichnet, ein andermal die Helldunkelwerte und dergleichen. Ziel einer solchen Analyse ist nicht nur die Förderung einer genauen Beobachtung, sondern auch die Bildung von Argumenten für eine formalästhetische Bildanalyse mit anschliessender Interpretation.

Die Ausführung der rezeptiv-praktischen Analyse ist prinzipiell mit allen bildnerischen Medien möglich. Nicht nur mit der Zeichnung sondern auch mit Malerei, Collage, Fotografie, Bildhauerei, ja sogar mit Theater und Film. Auch bei der Anzahl der zu untersuchenden Aspekte sind theoretisch keine Grenzen gesetzt. In diesem konkreten Leitfaden werden jedoch die Anzahl der Aspekte bzw. Nachzeichnungen auf fünf beschränkt. Weiter wird ein A4-Papier und ein Zeichenstift benutzt (Bleistift, Kugelschreiber, Filz). Somit führt die Bildanalyse trotz geringem Material- und Zeitaufwand effizient zu Resultaten. Sie ist zudem mit weiteren Analyseblättern gut vergleichbar.

Beispielanalyse

In der Beispielanalyse wird ein Frühwerk von Jan Vermeer untersucht. Jede der fünf Zeichnungen ist jeweils für eine bestimmte Kategorie bestimmt, dessen Gesichtspunkte Sie weiter unten entnehmen können. Je nach Werkvorlage macht es Sinn, den einen oder anderen Aspekt zu untersuchen. Beobachten Sie neugierig, präzise aber auch kreativ!

  Vorlage:

 platzhalter

  Fünf Nachzeichnungen auf ein A4-Blatt:

  A)
leerbild

 

Jan Vermeer,
Briefleserin am offenen Fenster, 1657
(Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden)

    B) ...
leerbild
  C) ...
leerbild
 
D) ...
leerbild
 
E) ...
leerbild

 

A) Nachzeichnung inkl. Herauszeichnungen

Als erstes wird das Werk an dieser Stelle ganz einfach abgezeichnet. Beginnen Sie mit dem Bildformat (Rahmung) in den korrekten Proportionen. Zur Übertragung des Bildes von der Vorlage dürfen Sie auch ein Zeichenraster benutzen (Raster auf Klarsichtfolie). Die Tonwerte und Oberflächen sollen in einer geeigneten Schraffur wiedergegeben werden. Zudem sollen ausserhalb dieser ersten Zeichnung interessante Details, Gegenstände, Körperteile oder Kleidungsstücke am Rande linear herausgezeichnet werden. Unterhalb dieser ersten Zeichnung kommen schliesslich die Bildangaben zu stehen.

B) Bildfläche

Versuchen Sie nun in der zweiten Zeichnung die Bildeinteilung zu entschlüsseln, indem Sie das Bild auf prägnante Bildflächen und Kompositionslinien reduzieren. Vielleicht ergibt sich aus der Komposition ein symbolträchtiger Bildaufbau mit Dreieck, Viereck, Kreis oder Ellipse oder die Komposition wirkt durch auffällig viele vertikale und horizontale Linien eher ruhig bzw. durch viele Diagonalen und Richtungswechsel dynamisch. Vielleicht ist es aber auch nur ein Element, das anders zur Gesamtkomposition steht und Aufmerksamkeit verlangt. Teils kann es auch spannend sein, nur die Zwischenräume als Flächen nachzuzeichnen. Gibt es eine Reihung, einen Rythmus, eine Ballung, Verteilung, Symmetrie oder etwa Analogien in der Bildfläche? Wie ist die Grössenverteilung?

C) Farbwerte

Lässt sich das Bild in eine helle und eine dunkle Fläche reduzieren oder zumindest auf drei Farbstufen vereinfachen? Wo befinden sich die satten Bildstellen, wo kommt überall Rot oder Blau vor?

D) Bildraum

Zeichnen Sie nun z.B. die Figur-Grund-Beziehung des Bildes durch die Umrisslinien des Hauptsujets heraus. Oder versuchen Sie das Bild in Vorder-, Mittel- und Hintergrund aufzulösen. Oder vielleicht lassen sich auch Fluchtpunkte und der mathematische Horizont rekonstruieren. Bei manchen Bilder macht es sogar Sinn, den Bildraum im Grundriss, also von oben, nachzubilden. Und ganz einfach: Zeichnen Sie den Raum ohne Figuren und Objekte einmal nach!

E) Weiteres

Hier haben Sie noch Platz für eine weitere Analyse der obigen Kategorien. Vielleicht möchten Sie aber auch noch etwas untersuchen, das noch nicht vorgekommen ist. Wie schaut es mit den Blickrichtungen aus? Diese können Sie mit Pfeilen veranschaulichen, um die Interaktionen der dargestellten Figuren besser nachzuvollziehen. Oder die Lichtquellen: Woher kommt das Licht? Gibt es Oberflächen die sich wiederholen oder gegenseitig steigern? Wo sind die harten und wo die weichen Gegenstände? Und dergleichen...

Literatur

  • Dietrich Grünewald (Hrsg.): Kunst entdecken - Oberstufe, Ästhetisch Praktische Methode (S. 210 -213). 2009. Cornelsen.
Letzte Aktualisierung ( Friday, 23. October 2009 )
 
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