In diesem Beitrag wird ein rezeptionsästhetisches Bildmodell mit drei Schichten und semiotischen Bezügen vorgestellt.

Rezeption als Voraussetzung

Ein Bild ist ein rezeptionsbedingter Gegenstand. Rezeption ist die Aufnahme eines Werkes durch den Betrachter bzw. die Betrachterin. Das heisst, der Mensch macht nicht nur Bilder, in dem er sie physisch produziert sondern rezipiert. So werden auch etwa Wolkenformationen bei entsprechender visueller und geistiger Aufnahme zu Bilder, gleichwohl diese nicht von Menschenhand produziert wurden.

Immersion: Genuss und Kontrolle

Der Vorgang beim Betrachten eines Bildes gleicht dem Eintauchen in eine eigene Welt, was als Bildimmersion bezeichnet wird (lat. immersio = Eintauchen). Das Medium Bild hat eine unmittelbare immersive Kraft, die mit Audio und Interaktivität noch erheblich unerstützt werden kann. Im Gegenteil zum Text scheint das Eintauchen in ein Bild relativ leicht zu fallen. Dies ist auf der einen Seite reizend aber auch verfänglich. Denn bei einem naiven Bildzugang wird das Bild als Medium leicht ausgeblendet. Selbstverständlich ist es wichtig, ein Bild geniessen zu können. Das emphatische Eintauchen in ein barockes Gemälde oder grosses Monochrom der 60er Jahre aber auch in einen epischen Hollywoodfilm oder in ein Ego-Shooter-Game kann überwältigend sein (siehe dazu z.B. die Videoarbeit von Robbie Cooper der NY Times). Für einen Moment wird das Bild nicht mehr spürbar und der Inhalt zum Surrogat (Ersatz) einer vollen und scheinbar kontrollierbaren Realität. Klar ist aber auch, dass der Betrachter während dieses Genusses sehr ausgesetzt, verletzlich und manipulierbar ist. Es sind verschiedene Bildschichten, die der Betrachter während der Immersion durchdringt und welche die Bildrezeption und damit den Betrachter stark mitbeeinflussen. Und somit wird klar, dass für die souveräne Bildrezeption nebst dem genussvollen Eintauchen in ein Bild auch der Umgang mit den Bildschichten und die Reflexion von sich selbst geübt sein muss.

Immersion
Abb. 1: Immersionsprozess durch die drei Schichten

Materielle, bildnerische und ikonische Schicht

Der Betrachter durchdringt während der Bildimmersion drei wesentliche Schichten: die materielle, bildnerische und schliesslich ikonische Schicht (ikonisch = abbildend). Jede Schicht funktioniert autonom. Sie hat ihre eigenen Elemente und somit auch ihren eigenen Raum. Die Elemente der materiellen Schicht wie Ölfarbe oder Monitorpixel bespielen den materiellen Raum, die Elemente der bildnerischen Schicht wie Punkt, Linie, Fläche den bildnerischen Raum und die Elemente der ikonischen Schicht, welche reale oder erfundene Elemente repräsentieren, den ikonischen Raum. Alle Elemente zeigen formale Eigenschaften wie Farbe, Form und Textur - oder teils auch Gewicht, Geruch, Temperatur etc. wenn auch nur ikonisch oder synästhetisch. Auch besitzen die Elemente der jeweiligen Schichten eine eigene Ikonographie und Ikonologie (z.B. Stichwort Materialikonographie). Genauso wie die Elemente und Schichten autonom wahrgenommen werden können, wirken diese auch im Zusammenspiel mit anderen Elementen über die eigene Bildschicht hinaus, wodurch ein komplexes und anregendes Spiel über den gesammten Bildraum entstehen kann und sich das Bild in seiner Bedeutung erst entfaltet.

Immersive Dichte

Je nach Bild unterscheiden sich Zusammensetzung und Intensität der verschiedenen Schichten. Diese sogenannte immersive Dichte ist unter anderem abhängig von historischen oder kulturellen Bedingungen aber auch von Darstellungsfunktion, Absicht und individuellen Interessen. So wurde im Neolithikum beispielsweise bei bandkeramischen Gefässen mit dekorativer Absicht ein Schwerpunkt auf die materlielle und bildnerische Schicht gelegt, während bei Höhlenmalereien (z.B. Chauvet oder in Altamira) ein Schwerpunkt auf die ikonische Schicht gelegt wurde. Diese ikonische Schicht geriet gegen Ende der altägyptischen Kunst, in der Antike und schliesslich in der Neuzeit in virtuose Ausprägung, sodass wir noch heute ungleich viele Konzepte zur Bewältigung der ikonischen Schicht kennen: Fluchtpunktperspektive, Farbperspektive, Luftperspektive, Techniken zur Farbmodullation, Schattenkonstruktionen, additives und subtraktives Konstruieren, Figur am Horizont, perspektivische Merkmale - um nur die Wichtigsten zu nennen.

Ab der klassischen Moderne, also etwa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, galt hingegen eher eine Rekonfiguration oder sogar Abwendung von der ikonischen Schicht zur bildnerischen Schicht und etwas später auch zur materiellen Schicht, was sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zuspitzte. So versuchten zum Beispiel Kasimir Malewitsch im Suprematismus oder Piet Mondrian im de Stijl bewusst die ikonische Schicht aufzulösen bzw. diese zu negieren. Marcel Duchamp ersetzte in seinen Readymades die ikonische Schicht mit realen Gegenständen. Jackson Pollock verwies mit dem Material als Indize auf einen stattgefundenen Prozess im realen Raum. Und Yves Klein stellte in seinen Anthropometrien eine direkte und eigenartige Verbindung über die Realität von der materiellen zur ikonischen Schicht her (Körper als Stempel). Hingegen scheint es James Turrells Konzept zu sein, den ikonischen Lichtraum auf die bildnerische Schicht zu verdichten, womit auch eine Irritation in der materiellen Schicht herbeigeführt wird. Und Joseph Beuys war mit seinen Installationen ein Meister der materiellen Schicht, der das "Bild" ohne bildnerische und ikonische Schicht aufzulösen und direkt in einen eigenen ikonographischen Raum überzuführen vermochte.