Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den Stilrichtungen und -strömungen der (klassischen) Moderne. Die klassische Moderne umfasst aus kunstgeschichtlicher Sicht jene Phase, die im ausgehenden 19. Jahrhundert unmittelbar nach der Neuzeit unter anderem mit dem Expressionismus, Futurismus und Kubismus beginnt und bis zum Ende des zweiten Weltkrieges, vor Beginn der Postmoderne um 1945 endet. In der klassischen Moderne wurde das Paradigma der Naturnachahmung (Mimesis) weitegehend verworfen. Dies betreffen insbesondere formale Prinzipien wie die Perspektiven-, Proportionslehere (z.B. goldener Schnitt) und die lichtbestimmte Farbmodulation als auch überhaupt die Motivation gegenständlich bzw. referentiell abzubilden.

Zwei Bemerkungen zum Artikel: Die Bebilderung zum Artikel ist nicht annäherungsweise repräsentativ, da unter anderem ein Grossteil der Werke dieser Zeit urheberrechtlich geschützt sind. Für eine Übersicht und Hinweise zur gesamten Beitragsreihe: siehe Geschichte der Malerei.

Expressionismus (1900-1920)

Der Expressionismus ist eine Gegenbewegung zum Realismus und Impressionismus. Er knüpft an den Symbolismus an und treibt die Ansätze von Van Gogh und Gauguin weiter, die mit einer gesteigerten Farb- und Formgebung die Malerei von der Funktion der reinen Nachahmung (Mimesis) lösten. Der aus dem Französischen übernommene Begriff "Expression" bedeutet Ausdruck. Er verweist auf das Bedürfnis des Künstlers, innere und somit subjektive Ansichten, Wahrnehmungen und Stimmungen nach aussen zu verbildlichen bzw. auszudrücken (im Gegensatz zu "Impression" = Eindruck). Das Sujet wird auf der Leinwand dementsprechend durch eine "formale Interpretation" mit zusätzlichen Informationen versehen. Als Inspiration galt die ausdrucksstarke afrikanische und ozeanische Kunst sowie naive Malerei und Zeichnungen von Kindern und Geisteskranken.

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Blaues Pferd I
1911
Marc
Potsdamerplatz
1914
Kirchner
Marzella
1909/10
Kirchner
Russisches Ballett
1912
Macke

Inhalt: Darstellung von leidenschaftlichen, seelischen Erlebnisse eines bestimmten positiven oder negativen Momentes in Portrait, Stillleben, Landschaft, Darstellungen aus Natur und Alltag etc.

Form: Einfache und spontane Ausführung, grober Form- und Farbeinsatz, teils Umrisslinien, grossflächig, kontrastreiche Audrucksfarbe, modifizierte Proportionen.

Vertreter: Henri Matisse , Marc Chagall , August Macke , Amedeo Modigliani (in Ansätzen), Edvard Munch (Vorläufer, Verschmelzung mit Jugenstil und Symbolismus), Max Beckmann , Ernst Ludwig Kirchner , Egon Schiele , Franz Marc. Künstlergemeinschaften: Fauves (franz. = die Wilden), Die Brücke , Blaue Reiter.

Kubismus (1906 bis 1918)

Der Kubismus ("cubus" = Würfel) führt Cézannes Vorarbeit weiter (Zurückführung der Gegenstände auf ihre wesentliche Form, wie Kugel, Kegel, Zylinder und Überwindung der Zentralperspektive). In der ersten Phase versuchte der Kubismus den Raum durch Standortveränderung komplett zu erfassen, bis sich mit den Jahren der Raum komplett aufzulösen scheint und in der zweiten Phase wieder zusammengefügt wird. (Orphismus 1910-1920, z.B. mit Delaunay, wird hier ausgeklammert).

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Juan Gris Die Bordeauxflasche 1915-1.jpg

 
Portrait von Picasso
1912
Gris
Die Bordeauxflasche
1915
Gris
 

Inhalt: Vorwiegend Stillleben, Portraits, Figur und Akt, teils auch Landschaft und Architektur.

Vertreter: Pablo Picasso , Georges Braque, Juan Gris.

analytischer Kubismus (ab 1906)

analytisch = auseinandernehmen: Form ist wichtiger als Farbe (meist Farbwerte in braun-grau), verschiedene Ansichten in einem Bild (Simultanperspektive), zur besseren Erfassung werden die Sujets abstrahiert bzw. geometrisiert (Kugel, Kegel, Zylinder).

synthetischer Kubismus (ab 1912)

synthetisch = zusammenfügen: Figur und Grund lösen sich schliesslich auf, es geht nur noch um Rhythmus in einer Bildfläche, stark abstrakte Motive werden durch leicht erkennbare Gegenstände wieder lesbar gemacht (Gitarre, Flasche...), Gegenstände werden direkt in das Bild geklebt (Tapete, Spielkarten). 

Futurismus (1909-1915)

Der Futurismus (Futurum = Zukunft) ist eine von Italien ausgehende politisch-künstlerische Bewegung, welche Fortschritt, Technik, moderne Maschinen und Geschwindigkeit verherrlicht (auch Kriegsbefürworter und Sympathisanten von Mussolini). Beeinflusst von der Chronophotographie (= Bewegungsfotografie, siehe Eadweard Muybridge) entwickelt der Futurismus neue formale Möglichkeiten, Bewegung und Tempo im Bild darzustellen.

Inhalt: Tempo, Bewegung in Stadt, Maschinen, technische Konstruktionen, Verkehr.

Form: Überlagerung, Wiederholung einzelner Elemente, Durchdringung, teils Gestaltungsmittel aus dem Kubismus entlehnt (Kubofuturismus).

Vertreter: Umberto Boccioni , Giacomo Balla , Anton Bragaglia teils Marcel Duchamp.

Konstruktivismus (1913-1933) 

Der Konstruktivismus bezeichnet nicht nur die geometrische, nicht figurative Form der Kunst sondern dient auch als Sammelbegriff für Stilrichtungen der Modernen Kunst zu Beginn des 20. Jh. aufbauend auf der Stilrichtung Suprematisums (1915-1930), der daraus entwickelten Künstlervereinigungen De Stijl (1917-1925) und den assoziierten Künstler der Kunstschule am Bauhaus (1919-1933). Spätestens seit dem "Schwarzen Quadrat" (1915) von Malewitsch hat sich die Malerei nach Ihrer Kriese (Entdeckung der Fotografie 1839) verselbständigt und ist nun absolut autonom (keine Mimesisfunktion mehr).

Malewitsch, Schwarzes Quadrat (1915, hier wahrscheinlich eine spätere Version)
Malewitsch, Supremus Nr. 58 (1916)
van Doesburg, Kontra-Komposition V (1924)
van Doesburg, Simultane Kontra-Komposition (1929)

Inhalt: abstrakte, geometrische Kompositionen, Typographisches.

Form: Die Komposition wird zum vorwiegenden Gestaltungsmittel, teils reduzierte Farbigkeit, Farbfunktion ist autonom (keine Gegenstands- oder Erscheinungsfunktion), bevorzugte Verwendung von Gerade, Rechteck, Dreieck und Kreis.

Vertreter: Kasimir Malewitsch , Wassily Kandinsky , Paul Klee , Theo van Doesburg , Piet Mondrian , Oskar Schlemmer.

Dadaismus (1915 bis 1922)

Dadaismus (Dada = Kindersprache, franz. "Pferdchen") ist eine internationale Protestbewegung. Diese "Antikunst" reagiert mit dem Sinnlosen, Paradoxen und Banalen in Bildender Kunst und Literatur auf die im ersten Weltkrieg verkommenen Werte und den bürgerlichen Kunstgeschmack. Das Arbeiten mit dem Zufall wird zur wichtigsten gestalterisch-künstlerischen Strategie. Collagen, Montagen, Flugblätter, Objektkunst und Aktionen mit Literatur, Theater, Tanz und Musik bestimmen die Kunstbewegung.

    
van Doesburg, Poster Dada Matinee (Druck, 1923)
 J. T. Baargeld, Typische Vertikalklitterung als Darstellung des Dada Baargeld (Collage, 1920)
J. T. Baargeld, Das menschliche Auge und ein Fisch, letzterer versteinert (1920)

Form: unkonventionelle Gestaltung, zufällige Zusammenstellungen von fotografischen und typografischen Zeitschriftenmaterial bzw. Gegenständen.

Inhalt und Technik: Portrait, Figur, Ungegenständliches, (Material-) Collagen, satirische Montagen, Objektkunst (Objet trouvé, Ready-made.

Vertreter: Kurt Schwitters , Marcel Duchamp , John Heartfield , Raoul Hausmann , Hans Arp , Hannah Höch , Max Ernst . Künstlergruppe: Cabaret Voltaire (1916, Zürich).

Surrealismus (ab ca. 1924)

Der Surrealismus (= "über" + "real") entsteht aus der Dada-Bewegung und basiert auf den Theorien des Psychoanalytikers Sigmund Freuds (Traumwelt zeigt die Realität, Entdeckung des Unbewussten). Als künstlerische Vorläufer gelten der Symbolismus und die Pittura Metafisica (seit 1910 z.B. Giorgio De Chirico). Träume, Assoziationen, Wahnvorstellungen, scheinbar sinnlose Gedanken werden ernst genommen und malerisch umgesetzt. Gegenstände und Situationen werden neu kombiniert und somit auch neu wahrgenommen. Der Surrealismus bedient nebst Malerei auch Plastik, Literatur, Film und Fotografie.

Veristischer Surrealismus

Inhalt: Gegenständliches, Pseudo-Reales.

Form: Technisch raffinierte Umsetzung mit visuell hoher Wirklichkeitsnähe (Erscheinungsfarbe, korrekte Perspektive), jedoch deformierte und "verschmolzene" Gegenstände, Tiere und Menschen.

Vertreter: Salvador Dali , Rene Magritte , Max Ernst

 

Absoluter Surrealismus

Inhalt: Unwirkliches, Phantastisches, Traumhaftes.

Form: Stark abstrahierend, teils mit symbolhaften Bildelementen.

Vertreter: Joan Miro.

Neue Sachlichkeit (1920-1933)

In der neuen Sachlichkeit wird nach der Zeit der Abstraktion wieder gegenständlich und realistisch gearbeitet. Die "neue Sachlichkeit" dient in der Malerei als Sammelbegriff für Kunst, die sich weder dem Expressionismus, Konstruktivismus und dem Surrealismus zuordnen lässt.

Inhalt: Sozialkritik durch Themen aus Kriegs- und Nachkriegszeit (Krise, Korruption, Dekadenz), Strassen, Innenräume, Menschen bei der Arbeit, im Alltag, Karikatur, Satire etc.

Form: Realistisch, die Volumen und Proportionen können aber (trotz Licht-Schatten-Modulation und sachlicher Wiedergabe) grob und grotesk wirken.

Vertreter: Otto Dix und George Grosz (veristischer Expressionismus), Käthe Kollwitz (sozialer Realismus).

Nationalsozialistische Kunst (1933-1945)

Das nationalsozialistische Regime zensurierte und verfolgte avantgardistische und experimentierfreudige Kunst, wie sie seit dem Impressionismus vorkam. Durch eine Wanderausstellung mit dem Titel "entartete Kunst" wurde die verfolgte Kunst zur Schau gestellt und lächerlich gemacht, um somit das eigene Programm zu stärken. Dabei ging es vorwiegend um Ideale, welche die eigene politische Doktrin unterstützte.

Inhalte: Portrait (Volksgenossen), parteifördernde Karikaturen und Inhalte wie idealisierte und romantisierte Arbeiter, Helden, Kämpfer sowie militärische bis sogar rassistische Darstellungen.

Form: Realistische, idealisierte und konservative Ästhetik.

Vertreter: Oskar Martin-Amorbach , Arhur Kampf , Adolf Ziegler.

American Scene (1930/1950)

Der amerikanische Realismus kann als erster amerikanischer Stil bezeichnet werden, ist jedoch stilistisch verwandt mit der Malerei der Neuen Sachlichkeit in Europa.

Vertreter: Diego Rivera , Georgia O'Keeffe (nahe am Gegenstandslosen), Edward Hopper.